Tom Chaplin – The Wave

Der Herbst hat Einzug in unseren Gefilden gehalten und schon längst habe ich mir die wärmenden Strickjacken vom Boden geholt. Gerade setze ich eine Kanne Nachmittagstee auf, denn heute erwarte ich besonderen Besuch und er sollte sich über dieses Heißgetränk freuen, schließlich kommt er aus Großbritannien. Die Rede ist von Tom Chaplin, dem Sänger von Keane. Dem Mann, der mit seiner sensiblen und gleichzeitig kraftvollen Stimme den unverkennbaren Sound des Trios ausgemacht hat. Lange schon war es ruhig um Keane geworden, kürzlich wurde bekannt, dass sie einen Song für einen Film beisteuern würden. Und nun lässt Tom Chaplin seine Kollegen zurück und will es allein versuchen.

Ich mache es mir auf dem Sofa gemütlich und schenke mir eine Tasse Tee ein, während der erste Song ‘Still Waiting’ die Stille durchbricht. Sanft werde ich in das Album geführt, ich umfasse mit meinen kalten Händen die warme Tasse und schließe die Augen. Die Musik erinnert mich stark an Keane, nicht nur durch Tom’s Stimme, sondern auch stilistisch. Dieser Eindruck verstärkt sich weiter bei der majestätischen Nummer ‘Hardened Heart’. Der Refrain explodiert und erfüllt den Raum vollends. Vorab konnte ich lesen, dass das Album so persönlich sei, dass dem Hörer keine Dinge vorenthalten werden sollen, dass man Tom in allen Facetten kennen lernen werde. Ein dunkles Kapitel seines Lebens war sicherlich seine Drogen-Abhängigkeit. Nach Keane-Album Nummer Zwei, zahlreichen Konzerten und Festivals, Millionen von Fans weltweit und gefühlt auf dem Höhepunkt ihrer musikalischen Karriere, ließ sich Tom damals -selbst zur Überraschung der eigenen Bandkollegen- in eine Entzugsklinik in London einweisen. Nach außen hin schien er immer der Strahlemann zu sein, der Witzbold, bei dem auch die Augen in Interviews stets frech leuchteten. Wie traurig es aber im Inneren von Tom aussah, beschreibt er in ‘Hardened Heart’ und enthüllt damit, wie dunkel es wirklich in ihm war, wenn die Showlichter ausgingen. Ist es eigentlich kälter geworden im Raum? Ich kuschel mich ein in meine Lieblingsdecke und begebe mich weiter auf die Reise durch Tom’s Geheimnisse.

Ein weiteres scheint zu sein, dass er traurige Texte auch mit zackigen Synthesizern untermalen kann, wie er in ‘The River’ beweist. Das erscheint im ersten Augenblick unruhig, aber bei mehrmaligem Hören fügen sich diese zwei ambivalenten Teile zu einem stimmigen Ganzen.

‘Worthless Words’ löst dann zum ersten Mal eine richtige Gänsehaut auf meinem Körper aus, dieser minimalistische Song lässt Tom’s Stimme perfekt zur Geltung kommen und auch die Botschaft kommt unverblümt rüber: ‘I’m Sorry.’ Daraufhin bemerke ich, dass die Teetasse schon leer ist und ich schenke noch einmal nach. Ich schwebe von Song zu Song, stelle immer wieder die Ähnlichkeit zu Keane fest, mag allerdings auch, dass der Einsatz unterschiedlicher Instrumente wie Bläser oder Streicher frischen Wind rein bringt. Die Vorab-Single ‘Quicksand’ hat mich schon von Anfang an um den Finger gewickelt mit ihrem durchdachten Konstrukt aus eingängiger Melodie und rhythmischem Gesang; dazu zeigt sich der beachtliche Stimmumfang Tom’s, der mich auch live schon schwer beeindruckt hat.

Da es unhöflich wäre, eine Teestunde in Traurigkeit zu beenden, wirken sowohl ‘See It So Clear’, als auch ‘The Wave’ hoffnungsfroh. Es scheint, als läge die düstere Vergangenheit vollends hinter Tom. Ich merke mehr und mehr, dass ich das Album gar nicht wie sonst bewerten kann, denn hier geht es nicht um das erste Soloalbum eines Künstlers. Hier werden innerste Gedanken, Ängste und Ansichten offenbart; ich höre mir alles aufmerksam an und fühle mich manchmal beinah unanständig, als würde ich heimlich in einem Tagebuch lesen.

Es ist ein Album, um sich in Melancholie zu wälzen, sein Innerstes nach außen zu kehren, aber auch eins, um Hoffnung zu schöpfen und das Leben wieder mehr schätzen zu lernen. Es verdeutlicht, dass man der Oberfläche nicht immer trauen kann, dass man manchmal hinter eine Fassade schauen muss, um zu sehen, wie die Realität aussieht. Mit den letzten Tönen von ‘The Wave’ schicke ich meine besten Grüße gen Großbritannien, wo sie hoffentlich einen glücklichen Tom Chaplin erreichen werden. Vielen Dank für deine Ehrlichkeit und alles Gute für die Zukunft.

Tracklist:

Still Waiting
Hardened Heart
The River
Worthless Words
I Remember You
Bring The Rain
Hold On To Our Love
Quicksand
Solid Gold
See It So Clear
The Wave