To Kill A King (London)

Tatort: Islington Assembly Hall, London

Zeitpunkt: 27. Januar 2018

An diesem Samstag könnte ich kaum glücklicher sein: Ich schlendere durch die Straßen Londons, wurde am Morgen von einem Sonnenaufgang begrüßt und als wäre das in dieser regenreichen Stadt nicht schon erstaunlich genug, wohne ich an diesem Wochenende auch noch gegenüber der Islington Assembly Hall. Was daran so toll sein soll?! Dort werden am Abend To Kill A King ihr Abschlusskonzert der England-Tour spielen und ich freue mich nicht nur auf sie, sondern auch auf die angekündigten Vorbands. Außerdem bin ich schon ganz gespannt, wie die fünf Briten die Songs aus ihrem neuen Album ‘The Spiritual Dark Age’ live präsentieren.

Obwohl mein Schrittzähler schon anzeigt, dass ich an diesem Tag mein durchschnittliches Wochenpensum gelaufen bin, verleiht mir die Vorfreude auf den Abend neue Energie und so stehe ich pünktlich beim Einlass und bekomme nun doch ein paar Regentropfen ab. Die sind allerdings schnell vergessen, als ich in die wunderschöne Halle eintrete. Es sieht aus wie in einem alt ehrwürdigen Theater, inklusive roten, schweren Vorhängen, die aber schon zur Seite gezogen wurden und den Blick freigeben auf die Bühne, die mit Instrumenten vollgestopft ist. Nun gut, drei Bands müssen ja auch Platz finden. Der Vorteil bei Konzerten im Heimatort der Musiker ist natürlich, dass die Stimmung familiärer wird – im buchstäblichen Sinne, denn tatsächlich kann ich beim Hinaufblicken auf den Balkon To Kill A King Frontmann Ralph Pelleymounter entdecken, der gerade seine Eltern begrüßt. Und auch ich treffe ein bekanntes Gesicht aus Deutschland wieder; insgesamt fällt mir auf, wie viele Menschen um mich herum deutsch sprechen.

Die erste Vorband des Abends erwarte ich mit Spannung, denn ich hätte sie fast exakt ein Jahr zuvor schon sehen können. Damals bin ich ebenfalls zu einem Konzert von To Kill A King nach London gereist und FOURS, so der Name der Band, sollte damals ebenfalls den Support machen. Leider wurde die Band krank und deshalb freue ich mich heute umso mehr, dass es endlich klappt. Und eins kann ich sagen: Das lange Warten hat sich gelohnt, und wie. Die charmante Edith Violet schnappt sich das Mikrofon und haut vom ersten Ton an alle Anwesenden Zuschauer um, was für eine tolle Stimme!! Zusammengefasst kann man die Musik von Fours als 80’s-Pop bezeichnen, so ein bisschen wie The Sounds trifft auf das Album ‘Hot Fuss’ von The Killers. Vergessen sind die müden Beine, jetzt wird getanzt. Die Zeit verfliegt rasend schnell, es macht so viel Freude, FOURS beim Spielen und Lachen zuzusehen, zu beobachten, wie sie Freunden und Bekannten im Publikum euphorisch zuwinken und trotzdem ziehen sie mich auch in melancholische Momente mit ihren gefühlvollen Balladen. Was für eine Entdeckung, was für tolle Leute, da bleibe ich auf jeden Fall dran.

FOURS – Islington Assembly Hall

Von der zweiten Vorband besitze ich bereits eine EP und ich weiß, dass der Sänger der ehemalige Gitarrist von To Kill A King war. Ich spreche von Childcare und genau wie zuvor treten drei Männer und eine Frau ins Bühnenlicht, nur die Konstellation ist anders. Doch auch, wenn Frontmann Ian Dudfield (bzw. Ed Cares, wie er sich bei Childcare nennt) in seiner Rolle voll aufblüht, kann auch Bassistin Emma Topolski mit ihrer schönen Stimme überzeugen. Die Band spielt einige bekannte Songs, aber auch ganz neue und das ist ja immer ein gutes Zeichen, weil dann eine neue EP oder sogar ein Album in der Luft liegt. Auch jetzt muss ich mir immer wieder meine Haare aus dem Gesicht streichen, so wild komme ich ins Tanzen bei der Musik. Songs wie ‘Gotta Wait’ oder ‘Film Club’ sind live noch eine Spur rockiger als in der Studioversion und ich hoffe inständig, dass ich bald mal wieder in den Genuss einer Childcare-Liveshow kommen werde.

Childcare – Islington Assembly Hall

Was für ein gelungener Abend das jetzt schon war, die Stimmung bleibt permanent hoch, die Umbaupausen nehme ich dieses Mal als gern genutzte Verschnaufpause wahr. Ein Blick nach hinten verrät mir, dass nun auch die letzten Besucher eingetroffen sein müssen, denn es ist eng geworden. Schön, dass To Kill A King an einem Samstag hier spielen, es herrscht die typische Wochenend-Entspannung. Als dann die Lichter ein weiteres Mal gedimmt werden und die Hauptband des Abends die Bühne betritt, wird es laut im Saal. Wie die Honigkuchenpferde strahlen To Kill A King ihr Publikum an; es ist ihr Heimspiel und sie haben offenbar genauso viel Vorfreude im Bauch wie alle anderen Anwesenden hier. Auch wenn ich nicht die Mama einer dieser Männer bin, so empfinde ich doch so etwas wie Stolz. Stolz darüber, dass sie hier und heute die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Zu Hause in Deutschland rede ich mir den Mund fusselig und empfehle diese Band fleißig weiter in der Hoffnung, dass sie eines Tages gut von ihrer Musik leben können. Aber mir bleibt nur ein kurzer Moment darüber nachzudenken, da spielt Ralph auch schon die ersten Takte von ‘Bloody Shirt’ an sofort ist alles andere vergessen, ab jetzt wird es nur noch schön, das weiß ich. Als kurze Zeit später ‘Compassion Is A German Word’ beginnt, verkleinert sich mein Sichtfenster auf ein Minimum, da mir erneut die Haare ins Gesicht schleudern. Es ist aber auch zu schön, ich liebe dieses Gefühl, wenn alles um mich herum tanzt, singt und einfach den Moment genießt. Und obwohl ich diese Band nun schon einige Male live sehen durfte, habe ich es noch nie anders oder weniger enthusiastisch erlebt. Die Musiker da oben wissen genau, was sie tun müssen, um alles in Bewegung zu versetzen. Nach vier durchgesprungenen Songs, kommt mir die Ballade ‘I Work Nights And You Work Days’ gerade recht. Ralph verlässt hierfür seine Position und springt auf ein Podest vorne im Publikum, sodass er nur noch wenige Meter von mir entfernt ist. Nach vorne gebeugt scannt er scheinbar jedes einzelne Gesicht von uns und widmet die Zeilen demjenigen, den seine Augen gerade erblicken. Es ist so ein berührender Moment, da er üblicherweise nicht so nah ran kommt, geschweige denn, so eine innige Verbindung mit den Zuschauern aufbaut. Wann immer ich diesen Song in Zukunft höre, diese Erinnerung werde ich fortan damit verbinden. Und ich dachte, ich könnte den Song nicht noch tiefer in mein Herz schließen.

Doch dann wird meine Kondition erneut auf eine harte Probe gestellt, denn es wird wieder einige Songs lang getanzt und gleichzeitig gesungen oder sowas ähnliches. Bei ‘Compare Scars’ klinge ich eher wie ein krächzender Wolf, als ich die hohen ‘Uhuhus’ im Refrain rufe. Später muss ich über die Anordnung der Songs schmunzeln, als nach dem zeitlos schönen ‘Oh My Love’ ‘No More Love Songs’ gespielt wird. Aber auf letzteren habe ich mich vorab mit am meisten gefreut und werde nicht enttäuscht. Und ich freue mich, dass auch die Zuschauer um mich herum bei den neuen Liedern ordentlich mitsingen bzw. das aktuelle Album so gut ankommt. Da ist er wieder, der Mama-Stolz, hihi. ‘Fictional State’ und gleich danach ‘Family’ machen mich dann restlos emotional. Beide Songs verbinde ich mit vielen schönen Momenten, an die ich nun erinnert werde. Und die Band schafft es tatsächlich, noch einen drauf zu setzen. Für das nächste Lied werden FOURS und Childcare erneut auf die Bühne geholt. Am Nachmittag ist bereits durch gesickert, dass Dan Smith von Bastille ebenfalls für einen Auftritt dabei sein wird und dieser hat auch noch Kyle Simmons von seiner Band mit im Gepäck. Wow, die Bühne ist nun proppevoll und ich muss diesen Anblick erst einmal sacken lassen. So ziemlich jeder Besucher dürfte wissen, dass nun ‘Choices’ gespielt wird, ein Song, dessen Video mittlerweile millionenfach angeklickt wurde. Und in diesem besagten Video spielen To Kill A King mit ihren Musikerfreunden in einem Garten diesen Song. Und viele dieser Musikerfreunde stehen nun in diesem Moment auf dieser Bühne. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man so einen Moment mal live miterleben kann?! Da beginnt ‘Choices’ auch schon, ich singe mit und merke, wie mir Tränen in die Augen steigen. Es ist so bewegend, ich bin unendlich dankbar und glücklich. Die gesamte Assembly Hall ist nun ein großer Chor; die Musik hat uns hier alle zusammengeführt und zu einer Einheit gemacht. Mal wieder spüre ich, was Musik bewirken kann, welch große Kraft sie hat. Im Anschluss verabschieden sich erst die anderen Künstler und nach dem letzten Song ‘And Yet…’ auch To Kill A King. Wie in Trance nehme ich wahr, dass der Saal wieder erleuchtet wird, wie die Leute glücklich schwatzend Richtung Ausgang trotten und plötzlich spielt aus den Boxen Lana Del Rey’s ‘Video Games’. Passender könnte ein Text in diesem Moment nicht sein:

It’s you, it’s you’, it’s all for you, everything I do.
I tell you all the time, heaven is a place on earth with you.

Setlist:

Bloody Shirt
Compassion Is A German Word
Funeral
Spiritual Dark Age
The Unspeakable Crimes Of Peter Popoff
I Work Nights And You Work Days
Compare Scars
Love Is Not Control
I Used To Work Here, Perhaps You Did Too?
Oh My Love
No More Love Songs
My God And Your God
The Good Old Days
Fictional State
Family
Choices
And Yet…