Tiemo Hauer (Bremen)

Bevor wir den Tower aufsuchen, machen mein Bruder und ich noch einen Abstecher auf den nahe gelegenen Bremer Freimarkt und während wir uns die Bäuche mit Bratwürsten und Crêpes vollschlagen, sinnieren wir über das, was noch vor uns liegt: Unser erstes und längst überfälliges Live-Konzert von Tiemo Hauer. Zeitgleich ist es unser erster Besuch des Towers und wir sind schon ein wenig überrascht, wie klein der Club und auch die, naja, nennen wir es mal Bühne ist. Die Instrumente von Vorband und Hauptakteur sind eng zusammen gefercht und der Tontechniker kauert an einer Wand direkt neben dem improvisierten Merchandise-Stand. Ein Blick in die Runde zeigt, dass sich überwiegend junge Damen eine Konzertkarte gesichert haben, die Herren der Schöpfung sind ganz klar in der Unterzahl. Da geht auch schon eine Tür links neben der Bühne auf und vier jugendlich wirkende Männer lassen kurzzeitig frische Abendluft ein, bevor sie sich ein Plätzchen auf dem kleinen Podest vor uns sichern. Wie an einer Schnur aufgereiht, stehen sie nebeneinander, stimmen ein popig-folkiges Lied an und schauen neugierig zu den Menschen, die vor ihnen stehen – meine Güte, sind die nah an uns dran!! Der Sänger begrüßt das Bremer Publikum anschließend, stellt ihn und seine Freunde als die Band Sunday Promise vor und bedankt sich artig bei Tiemo Hauer für die Möglichkeit, mit ihm auf Tour zu gehen. An dieser Stelle könnte ich anfangen, Vergleiche zu Boybands oder ähnlich aussehenden Teenie-Movie-Schauspielern zu ziehen, das will ich aber nicht – stattdessen lausche ich den gut vorgetragenen Harmonien, erfreue mich an den aufgekratzten und glücklichen Gesichtern der Band und spende Applaus für eine gelungene Einstimmung auf den musikalischen Abend. Ein Highlight dabei ist für mich persönlich das Mash-up vom The 1975 Song ‘Sex’ und dem eigenen Sunday Promise Song „Puer Aeternus“. Auch ohne vollständiges Schlagzeug und eher ruhige Töne, lässt es sich ganz gut dazu tanzen.

In der Umbaupause wird die Technik auf der Bühne ein wenig abgebaut und dadurch entsteht ein bisschen mehr Platz, der auch nötig ist, da kurze Zeit später fünf Herren die Bühne betreten. Dabei finden meine Begleitung und ich es erstaunlich, dass niemand applaudiert beziehungsweise sogar munter weiter geplaudert wird, während der Keyboarder bereits sein Intro vorträgt. Doch es wird ruhiger und als Tiemo Hauer – im Dunkeln- seine ersten Worte ins Mikrofon haucht, verebbt auch das letzte Gespräch. Mit einem Knall erleuchtet die Bühne und erfreut stellen wir fest: Tiemo live kracht ordentlich. Der erste Höhepunkt folgt nach wenigen Minuten und die Zuschauer werden gleich mal auf ihre Textsicherheit geprüft und erneut wird man sich der Nähe zum Musiker bewusst, da dieser genau beobachten kann, wer die erste Strophe von ‘Nacht Am Strand’ beherrscht. Tatsächlich haben sich die meisten unter uns gründlich vorbereitet und auch, wenn bei neuem Songmaterial noch ein paar Unsicherheiten zu erkennen sind, weiß Tiemo zu trösten: ‘Kein Problem. Wenn ich das nächste Mal hier bin, dann könnt ihr den Text auch, versprochen??’ Ich empfinde es als sehr angenehm, dass uns Tiemo nach jedem Lied eine kleine Anektdote erzählt und uns somit einen kleinen Einblick in sein Tourleben gibt und seine witzige Art zu erzählen, führt mehrere Male zu lautem Gelächter im ganzen Raum. Das scheint an mancher Stelle ein harter Bruch zu seinem kurz zuvor noch inhaltlich melancholischem Lied zu sein, doch ich bin froh, nicht komplett in der Traurigkeit der Songs hängen zu bleiben. Tiemo Hauer lässt den Eindruck erwecken, ein Mensch der extremen Gefühle zu sein: Einerseits urkomisch, andererseits durch gebrochenes Herz am Boden zerstört – wenn man seinen Texten Glauben schenken darf. Bei der balladigen Erzählweise seiner Lieder wird geträumt, gekuschelt und andächtig mitgesungen (‘Mädchen Aus Berlin’, ‘Sigur Rós Im Regen’), bei der aggressiveren Herangehensweise der Trennungsschmerzverarbeitung ertappe ich mich ein paar Mal beim Headbangen (‘Wenn Du Gehst’, ‘Die Kapelle’, ‘Herz/Kopf’). Nicht unerwähnt bleiben darf die fabelhafte Band um den Songschreiber: Matthias Franz filigran an der Gitarre, der Ruhepol Franz Mühleisen am Bass, Tilman Ruetz fantastisch am Schlagzeug und Marcel Schechter, der neben dem Keyboard auch das zu Akkordeon bedienen weiß.

Da stehen eindeutig Vollblutmusiker vor uns und es macht so viel Spaß, jeden Einzelnen von ihnen bei seinem Spiel zu beobachten. Als sich Tiemo am Ende mit einem ‘Bis zum nächsten Mal’ verabschiedet, hoffe ich insgeheim, dass ich bis dahin nicht allzu lange warten muss.

Setlist:

Altes Paar
Ganz Oder Gar Nicht
Roteblühplatz 4
Nacht Am Strand
Verzeihen Kostet Zeit
Adler
Wegen Mir
Viel Erlebt
Vielleicht Muss Ich Gehen
Schläfst Du Schon
Mädchen Aus Berlin
Wenn Du Gehst
Nur Luft
Die Kapelle
Was Dich Nicht Umbringt
Sigur Rós Im Regen
Statt Land Mehr
Herz/Kopf
Bleib Bei Mir
Ich Drehe Um
Immer Weiter
Großartig
Freestyle-Bandsolo-Abschied