The Kooks (Bremen)

The Kooks - Bremen

Sind die denn verrückt, eine Best Of Tour zu machen?! Das ist mein erster Gedanke, als ich lese, dass The Kooks nach Bremen kommen. Viel zu absurd erscheint mir der Gedanke, in so jungen Jahren auf das musikalische Schaffen zurückzublicken. Meine Meinung wird sich allerdings im Verlaufe des Abends ändern, aber der Reihe nach:

Es ist Freitagabend und was könnte es Schöneres geben, als das Wochenende mit einem Konzert einzuläuten?! Zumindest für mich ist ein perfekter Start. Endlich komme ich wieder ins Pier 2, eine Halle, mit der ich sehr schöne Erinnerungen verbinde. Viele Besucher scheinen an der Abendkasse zugeschlagen zu haben, denn obwohl das Konzert zunächst nicht ausverkauft war, ist es doch proppevoll im Pier geworden. Das Aufwärmen übernimmt heute Abend das Quartett ‚The Academic‘ aus Irland. Eine passendere Vorband hätten die Kooks sich nicht aussuchen können. Feinster Indie unterhält eine halbe Stunde lang das Bremer Publikum.

The Academic - Bremen

In der Umbaupause schaue ich mich um. Das Publikum ist überwiegend jünger als ich. Ich bin überrascht, denn die Hochphase der Kooks war zwischen 2005 und 2008 – da hat ein Teil meines unmittelbaren Umfelds höchstens im Kindergarten zur Musik getanzt. Nun ja, vielleicht hatten die Eltern einfach einen vorzüglichen Musikgeschmack. Als die Kooks schließlich die Bühne betreten, bricht lauter Jubel los. Ein kurzes Winken von Seiten der Band, dann geht es auch schon los mit dem aktuellsten Song ‚Be Who You Are‘. Die Zeilen: ‚You are just a kid with a sentimental heart, afraid of what would happen before you ever start.‘ sprechen mich, besonders mein zwölf Jahre jüngeres Ich an. Denn in der Zeit lernte ich die Kooks kennen und schnell lieben. Wer konnte ahnen, dass ich im Laufe des Konzerts mehrfach in eine Zeitmaschine gesteckt werden würde?! Das erste Mal passiert es bei

‚Always Where I Need To Be‘: Frühling 2008 – Ich wohne mit meiner Freundin und Kommilitonin in Baden-Baden zum Praktikums-Semester. Draußen wird es warm und während wir uns morgens für die Arbeit fertig machen, läuft im Musikfernsehen täglich dieser Song. Auch wenn es gerade in der Halle dunkel und draußen ein kalter Novemberwind weht, rieche ich die Frühlingsluft und sehe uns zwei aufgekratzten Hühner durch die Wohnung tanzen.

Auch hier im Pier bin ich schon lägst im Tanzmodus. Nicht nur bei den Klassikern, auch bei neueren Songs wie ‚Down‘ bin ich gut dabei. Kurze Zeit später folgt die nächste Zeitreise.

‚She Moves In Her Own Way‘: Sommer 2005 – Klassenfahrt und es geht nach London. Auf der Fähre, die uns von Calais nach Dover befördert, läuft auf einer großen Leinwand dieser Song und er wird in London in gefühlt jedem Geschäft gespielt, das ich betrete. Plötzlich sehe ich mich tanzend in einem Schuhgeschäft. Gerade habe ich ein Paar Sneaker anprobiert, als ‚She Moves In Her Own Way‘ durch die Boxen tönt und ich teste die Schuhe gleich mal auf Bequemlichkeit.

Während die jüngeren Besucher zur neuen Musik springen, liegen sich die älteren Paare nostalgisch in den Armen und mich beschleicht das Gefühl, dass es ihnen so geht wie mir, sie schwelgen in Erinnerungen:

‚Eddie’s Gun‘: Sommer 2007 – Aufgekratzt jage ich mein altes Auto über die Autobahn. Kurz zuvor habe ich meine Wirtschaftsrecht-Klausur abgegeben. Die Dozentin schaut mich verwirrt an und weist darauf hin, das erst die erste Hälfte der Zeit um sei und ich noch in Ruhe weiterschreiben könne. ‚Keine Zeit, ich muss zu einem Festival.‘ lautet meine knappe Antwort, ehe ich aus dem Raum und hektisch zu meinem Auto renne. In diesem Sommer spielen die Kooks nämlich nachmittags in Nürnberg bei Rock im Park und ich studiere in Mecklenburg-Vorpommern. Die Zeit drängt und obwohl ich während meiner Fahrt das gesamte Debütalbum Inside In/Inside Out höre, ist es der Song ‚Eddie’s Gun‘, den ich mit diesem wilden Ritt in Verbindung bringe. Dann spüre ich die heißen Wangen von der Klausuraufregung, meine kalten Hände, die das Lenkrad umklammern und die Vorfreude im Bauch. Damals sah ich die Kooks zum ersten Mal.

Ein Best-Of macht schon Sinn, ich muss meine erste Meinung also revidieren. Natürlich sind zwölf Jahre nicht so lang wie die Historie der Stones. Aber wenn ich davon ausgehe, dass viele Fans der ersten Stunde in meinem bzw. im Alter der Kooks selbst sind, dann hat diese Musik sehr wichtige und prägende Jahre begleitet. In meinem Fall Schule/Ausbildung und den schwierigen Prozess der Orientierung/Selbstfindung/Zukunftsplanung. Dieser Abend war eine Zeitreise für mich. Es ist erstaunlich, wie Musik es schafft, alle Sinne zu aktivieren und mich in Sekundenschnelle in die Situation zurückzuführen, mit der ich sie verbinde. Nach zwölf Jahren The Kooks stelle ich am Ende des Abends fest, dass ich zwar älter geworden bin, aber das Musik mich noch immer so berühren kann, wie eh und je. Für diese Erkenntnis und die vielen schönen Melodien bin ich den Kooks sehr dankbar.