System Of A Down (Köln)

Als System Of A Down Ende 2014 ankündigten, dass sie wieder auf Tour gehen werden, grenzte das beinah an ein Wunder. Eine Wiedervereinigung hatte ich nicht mehr erwartet, nachdem die Soloprojekte der einzelnen Bandmitglieder so erfolgreich Fahrt aufgenommen hatten. Diese Tour sollte zum Gedenken an den armenischen Völkermord durchgeführt werden; ich hatte bis dato noch nie etwas von der armenischen Geschichte gehört und reiste deshalb halb erfreut auf das Wiedersehen, halb gespannt auf den historischen Aspekt nach Köln, wo das einzige Deutschlandkonzert ihrer Tour stattfinden sollte.

Die Lanxess-Arena war schon kurz nach Beginn des Ticketverkaufs ausverkauft, was mich nicht wunderte, nachdem ich System Of A Down bereits zweimal auf Festivals erleben durfte und da jedes Mal eine breite Euphorie bis in die hintersten Reihen zu verzeichnen war, die mich schon unter freiem Himmel beeindruckt hat. Aber auch die Intensität, mit der die ersten Reihen die Musik des Quartetts zelebrieren, ist mir noch in guter Erinnerung, deshalb bin ich froh, heute auf dem Oberrang mit guter Sicht auf die Bühne Platz nehmen zu dürfen. Noch einmal möchte ich nicht auf dem Boden landen und Angst haben müssen, zertrampelt zu werden.

Nur sehr langsam füllt sich die Arena, das Kölner Publikum scheint es nicht eilig zu haben oder aber es hat sich noch nicht rumgesprochen, dass es keine Vorband geben wird. Als es dunkel wird, sind jedenfalls noch nicht alle Plätze besetzt. Die Bühne bleibt schwarz, dafür beginnt auf den Leinwänden ein Film zu spielen:

Teil 1.

In ca. zwei Minuten wird den Zuschauern vom Völkermord an den Armeniern zwischen 1915 bis 1923 berichtet. Das osmanische Reich ermordete armenische Männer und deportierte die Frauen und Kinder. Die armenische Kultur wurde beinah vollständig ausgelöscht – eine Tragödie, die ein Jahrhundert lang geleugnet wurde und bislang ohne Konsequenzen blieb. Die Türkei stärkte sich weiter, die Armenier wussten nicht, wie sie nach dem Völkermord überleben sollten. Heute erheben Armenier ihre stimme um auf den Völkermord aufmerksam zu machen, in der heutigen Zeit sehe man die Chance gekommen, alles endlich aufzuklären und somit die Seelen aufzuwecken, es sei unsere Chance zu wählen, den Weg der Aufklärung zu wählen.

Die Bildschirme schalten sich aus, es ist einen Moment lang stockdunkel in der Halle und ich bin total ergriffen von den Bildern, die ich gerade gesehen habe. Doch dann werde ich wach getrommelt von Schlagzeuger John Dolmayan und die wilde Fahrt beginnt. Von der ersten Sekunde an sind System Of A Down präsent, Serj Tankian singt die Lieder nicht nur, er lebt sie mit dem ganzen Körper aus – in Form von Springen, Schauspielern und armenisch anmutenden Tanzbewegungen. Shavo Odadjian am Bass scheint nach wie vor keine Muskeln in Rücken und Nacken zu haben, denn fast schon schlangenhaft biegt er sich zum Groove seiner Basssaiten und besonders freue ich mich auf den ausgelassen tänzelnden, mit seinem Hut und den langen schwarzen Haaren ein bisschen an Johnny Depp erinnernden Daron Malakian; gesanglich überzeugt auch er mich an diesem Abend vollends. Dann schwenken die Scheinwerfer ins Publikum und mir bleibt fast der Atem weg, die Zuschauer im Innenraum beben förmlich, ein unglaubliches Schauspiel von hier oben. Ein Lied folgt dem anderen, Verschnaufpausen gönnen System Of A Down weder sich, noch leidenschaftlichen Anhängern unter mir. Die Songauswahl ist fantastisch, neue und alte Songs, Singles und geheime Lieblinge werden quer Beet runter gebrettert. Ich hänge noch immer dem großartigen ‘Needles’ hinterher, da wird es erneut dunkel in der Halle und die Bildschirme flackern wieder auf.

Teil 2.

Nazideutschland. Die Frage wird gestellt: Wer erinnert sich noch an die Armenier?? Inspiriert von dem Versuch der Auslöschung eines Volkes, wurde der 2. Weltkrieg entsprechend brutal durchgeführt. Juden, Zigeuner, jeder, der nicht in das Idealbild der Nazis passte, sollte umgebracht werden. Auch heute noch gibt es Gruppen von Menschen, die terroristisch zielgerichtet Menschen töten. 100 Jahre nach dem armenischen Völkermord gibt die Türkei noch immer nicht zu, dass es sich um Völkermord handelte, Neonazis bestreiten nach wie vor den Holocaust, Omar al-Bashir (Staatspräsident Sudan) gilt als ein Massenmörder, der zwar angeklagt, aber nie verurteilt wurde. Wir könnten nicht länger still sitzen und uns diese Ungerechtigkeit mit ansehen, es sei Zeit, die Seelen zu wecken.

Wieder großer Applaus nach dem zweiten Film und wieder muss ich einmal tief durchatmen, eh ich mich wieder voll und ganz dem Spektakel auf der Bühne widmen kann. Das nenne ich mal effektiven Geschichtsunterricht. Harte Fakten, anschauliche Bilder und Lehrer, die den Lehrstoff nicht überzeugender vermitteln könnten. Natürlich dürfen auch die bildenden Künste nicht zu kurz kommen und so wird auch Musikunterricht im Stundenplan berücksichtigt. Und die Streber in der ersten Reihen wollen ihre Lehrer gleich noch mit sportlicher Ertüchtigung beeindrucken. Bei ‘Chop Suey’ bildet die Lanxess Arena den lautesten Chor, den ich jemals gehört habe und auch die Menschen um mich herum hängen ungläubig über der Brüstung, um diesen Moment so intensiv wie möglich zu erleben. Gänsehaut pur. Emotional schicken uns System Of A Down an diesem Abend gefühlt zehn mal in die Achterbahn. Ich sehe Menschen mit Tränen in den Augen, inbrünsitge Sänger, Leute, die ihren Sitzplatz hinter sich lassen und lieber springend den Abend verleben wollen. Ich versuche so viele Eindrücke wie möglich aufzusaugen, sie prasseln auf mich ein und ich kenne gar nicht so viele Attribute, die ich bräuchte, um diese Show richtig beschreiben zu können. Und noch immer keine Pausen zwischen den Songs; ich drohe zu implodieren, als ich plötzlich wieder im Dunkeln sitze und sich ein letztes Mal die Bildschirme erhellen.

Teil 3

Es geht um den Umgang mit Genozid. Das Problem sei, dass er bis heute toleriert werde. Geld, Wirtschaft, Macht, all das ermögliche Genozid bis heute. Die Ereignisse hätten die Menschen auf dieser Welt nicht verändert. Deshalb sei es umso wichtiger, dem ‘System Of A Down’ zu folgen, die Seelen aufzuwecken und diesen Zustand nicht länger zu akzeptieren.

Jetzt muss ich aber doch mal meckern: Es gibt doch tatsächlich Menschen, die die kurzen Filme nutzen, um sich Bier zu kaufen. Zum Glück sind es nur ein paar und ich wünsche mir, dass die breite Masse der hier Anwesenden über das hier Gesehene noch länger nachdenken werden. Aber ich kann mich nicht lange ärgern, denn die Musik lenkt mich sofort wieder ab. Die Masse an Songs, die an diesem Abend gespielt wird, ist phänomenal. Vor allem kommt es einem, aufgrund des hohen Tempos, gar nicht so vor. Nach ‘Cigaro’ wird doch tatsächlich mal kurz eine Pause gemacht, die Serj nutzt, um sich bei allen Zuschauern zu bedanken und er wünscht sich, dass wir die Armenier nicht vergessen werden, wenn sie wieder zu Hause sind. Kurze Zeit später singt Daron gegen Ende von ‘Toxicity’ beschwörend auf seine Anhänger im Innenraum ein: ‘Everybody spinning around, keep on spinning around around’ – und tatsächlich beginnen ein paar Leute im Kreis zu laufen und es werden sekündlich mehr bis schätzungsweise 800 Menschen wie ein Orkan umher wirbeln. Was für Bilder, was für Momente. Wie könnte man so etwas vergessen!?

 

Setlist:

Wake Up The Souls – Part 1

Holy Mountains
Jet Pilot
Suite-Pee
Prison Song
U-Fig
Aerials
Soldier Side
B.Y.O.B.
I-E-A-I-A-I-O
Radio/Video
Bubbles
CUBErt
Hypnotize
Dreaming
Needles
Deer Dance

Wake Up The Souls – Part 2

P.L.U.C.K.
Sartarabad (Traditional)
Psycho (Rolling Stones Intro: Start Me Up)
Chop Suey!
Lonely Day
Question!
Bounce
Kill Rock ‘n’ Roll
Marmalade
Lost In Hollywood
Spiders
Mr. Jack

Wake Up The Souls – Part 3

Science
Chic ‘n’ Stu
War?
DAM
Cigaro
Roulette
Toxicity
Sugar