Peter Doherty – Grace/Wastelands

Wer??

Er ist DIE männliche Skandalnudel in der Musikindustrie: Peter Doherty. Ihn mit Adjektiven zu beschreiben ist so schwierig wie widersprüchlich: sensibel, ruppig, verrückt, genial, humorvoll, düster, feinfühlig, unberechenbar – an ihm scheiden sich die Geister. Oberflächlich betrachtet stolpert und randaliert ein drogenabhängiger, ungepflegter Rockstar mit Faible für Models durch die britischen Klatschblätter. Doch wenn man sich einmal tiefer mit seiner Musik auseinander setzt, dann wird schnell klar, dass eins der größten Talente unserer Zeit in dieser selbstzerstörerischen Hülle wohnt.

Was??

2003 zerbrach Doherty’s erste Band The Libertines zusammen mit der Freundschaft zu Co-Frontmann Carl Barat, nachdem er im Drogenrausch bei Barat einbrach und dort Instrumente und Laptops stehlen wollte um weitere Rauschmittelkäufe finanzieren zu können. Kurzerhand gründete Pete Doherty die Babyshambles, veröffentlichte 2005 deren Debütalbum ‘Down In Albion’ und knüpfte direkt mit der ersten Singleauskopplung ‘Fuck Forever’ an alte Erfolge an. Einerseits liebten Fans Pete Doherty für seine Guerilla-Gigs, bei denen er spontan kurzfristig angekündigte Konzerte spielte und dabei nahbar (u.a. in seiner Wohnung) und zugänglich wirkte. Andererseits waren Ticketkäufe in den Folgejahren auch immer eine Lotterie, da man nie wusste, ob es Doherty zum Konzert schaffen oder doch vielleicht im Drogenrausch den Flieger verpassen oder vielleicht sogar von der Polizei festgenommen werden würde. Nichtsdestotrotz wurde auch das zweite Album der Babyshambles von 2007, ‘Shotter’s Nation’ ein Erfolg. Beide Alben hätten es in dieser Rubrik ebenfalls verdient, eine ausführliche Rückblende zu bekommen, doch ich möchte mich im Folgenden auf das erste Soloalbum von Peter (bei diesem Album nennt er erstmal seinen vollen Vornamen) konzentrieren, das er im März 2009 veröffentlichte: ‘Grace/Wastelands’.

Warum??

Nun bin ich zugegebenermaßen subjektiv beeinflusst, da ‘Grace/Wastelands’ in einem für mich bedeutenden Lebensabschnitt veröffentlicht wurde und bis heute den Soundtrack für eben jenen darstellt. Aber auch Menschen, die das Album bislang nicht kannten, sei es wärmstens empfohlen. Ich stelle Peter Doherty mit seinen Songschreiber-Qualitäten auf eine Stufe mit den Beatles oder Freddie Mercury. Er ist ein Genie unserer Zeit und musikalisch leider völlig unterbewertet. ‘Arcady’, der erste Song auf dem Album, entführt den Hörer in die Welt von Peter, der Melodien komponieren kann, die sich auf direktem Weg ins Herz spielen. Seine Texte wirken manchmal etwas entrückt, manchmal erzählen sie auch kleine Geschichten. Poesie ist eine weitere Leidenschaft von Peter Doherty, der bereits im Alter von 17 Jahren einen Poesiewettbewerb gewann und daraufhin als Kulturbotschafter nach Russland reisen durfte. Diese feinfühlige Seele durchlebte eine recht heimatlose Kindheit und Jugend. Sein Vater zog als britischer Offizier oft um und nahm seine Familie stets mit. So lebte Doherty auch eine Zeit lang in Krefeld; bis heute kann er recht gut deutsch sprechen. Er liebt Sprachen und Bücher, seine Songtexte sind oft auch beeinflusst von der Literatur, mit der er sich gerade beschäftigt. Zum Seufzen schön ist hier beispielsweise der Text von ‘I Am The Rain’.

Graham Coxon (Blur) unterstützt Doherty auf ‘Grace/Wastelands’ und die Zusammenarbeit funktioniert so hörbar harmonisch, dass ich mir wünsche, die beiden Musiker würden immer zusammen ins Studio gehen. Besonders bei ‘Last Of The English Roses’, wo Coxon die Gitarre spielt, wird deutlich, wie großartig Kompositionen von Peter klingen können, wenn sie perfekt arrangiert werden. Sein Gesang, die Art wie er Wörter betont oder lang zieht (Roses wird bei ihm zu ‘Rohohoses’) ist einzigartig, markant und macht die Songs noch liebenswerter.

‘Sweet By And By’ wirkt in der ersten Strophe wie eine Ode an seinen ehemaligen und heute wie Bandkollegen Carl Barat. Dort erinnert er sich an die ersten Libertines-Auftritte und er fragt sich, was passiert sei, dass die beiden nun getrennte Wege gehen. Im zweiten Teil widmet er sich einer verflossenen Liebe. Vielleicht sogar Kate Moss?? Zumindest wundert er sich auch hier, weshalb er nun allein ist und warum die Ex Lügen über ihn erzählt und bereits einen neuen Mann hat, während er traurig den Kopf hängen lässt und das alles nicht verstehen kann. Dieser pikante Text geht bei der beschwingten Musik beinahe unter, aber eben nur beinahe.

Es scheint fast so, als würde Peter diesen Lebensstil brauchen, als müsse er benebelt in der Gosse liegen, um so fantastische Musik schreiben zu können. Er scheint ein Genie zu sein, das die Welt mit klarem Kopf nicht ertragen kann. Wenn ich das bezaubernde ‘Sheepskin Tearaway’ höre, auf der ihn der verträumte Gesang von Dot Allison begleitet, dann kommt in mir der Beschützer-Instinkt auf. Am liebsten würde ich Peter eine Zeit lang isolieren von allen Drogen und Sorgen, ihn stattdessen mit Büchern, Instrumenten, Zettel und Stiften ausstatten und erst wieder raus lassen, wenn er stabil, gesund und glücklich ist. Aber wahrscheinlich würde das bei einem Freigeist wie Peter nur nach hinten losgehen. So bleibt die Erkenntnis, dass ich nur aus der Ferne beobachten kann, wie sich dieser talentierte Mann weiterhin entwickelt und ich kann nur hoffen, dass er ein langes Leben führt und noch viele Alben aufnehmen wird. ‘Grace/Wastelands’ jedenfalls ist eins der schönsten Alben unserer Zeit und es wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.