Madsen (Bremen)

Als ich Madsen 2005 beim Hurricane-Festival sehe, steht die Band noch ganz am Anfang. Es ist Sonntagmittag und kurz vor Konzertbeginn fällt das Keyboard aus. Ich beobachte voller Mitgefühl das hektische Gewusel auf der Bühne und bewundere umso mehr, dass die anschließende Show so souverän abläuft. In diesem Jahr haben sich noch nicht sehr viele, dafür aber textsichere und euphorische Menschen eingefunden, die mit mir zusammen Songs wie ‚Die Perfektion‘ oder ‚Immer Mehr‘ bejubeln – Nummern, die mittlerweile fast Evergreens geworden sind. Die Live-Qualität beeindruckt mich sehr; ihre Fähigkeit, abgebrüht ein Festivalpublikum anzuheizen und non-stop bei Laune zu halten, noch mehr. Es ereilt mich ein bisschen sowas wie mütterlicher Stolz, den ‘kleinen’ Jungs beim flügge werden zuzuschauen und sie in den darauffolgenden Jahren auf verschiedensten Festivals, auf immer größeren Bühnen, vor immer mehr Zuschauern wachsen und gedeihen zu sehen. Umso verrückter eigentlich, dass ich es erst elf (!!) Jahre später schaffe, ein reines Madsen-Konzert zu besuchen – überdacht, im Winter und so richtig mit Vorband. Irre.

Sebastian Madsen kündigt den vorerst letzten Support-Auftritt von Montreal an, die er als die bandinterne Lieblingsvorband heiß bewirbt. Nicht nur die Konstellation, sondern auch Sound von Montreal erinnert mich stark an Die Ärzte. Spaßtexte, Mitsing-Refrains und eingängige Melodien – zum Anheizen an diesem Wochentag durchaus geeignet und kurzweilig. Auch die HSV-Fanliebe des Schlagzeugers kann die Stimmung nicht kippen.

Da sich vor mir nach und nach immer mehr große Männer breit machen und ich irgendwann nicht mal mehr einen kleinen Blick zur Bühne erhaschen kann, wechsele ich kurz vor Madsen-Beginn meine Position. Da das Aladin schnell vor war, wurde die Wand zum Tivoli abgebaut, damit noch ein paar Menschen mehr in den Genuss der Wendland-Musik kommen können und dort –zwischen Tivoli-Bar und Aladin-Bühnenrand stehe ich nun mit Bewegungsfreiheit, besserer Luft und guter Sicht – zumindest besserer als vorher. Schlagzeuger Sascha werde ich an diesem Abend leider nur hören. Aber zu ihm komme ich später noch einmal zurück.

‚Sirenen‘ eröffnet diesen feucht fröhlichen Abend und die Zuschauermenge vor der Bühne bewegt sich wellenartig hin und her, was auf die Bewegungsbereitschaft der meisten Anwesenden schließen lässt. Das scheinen auch die Jungs auf der Bühne zu bemerken, die mehrmals lobend anerkennen, wie hemmungslos das Bremer Publikum mitten in der Woche feiert. Schon von Anfang an stellt sich auch bei mir gute Laune ein, denn die Songreihenfolge auf dieser Setlist ist sehr gelungen. Die alten Lieder wie ‚Du Schreibst Geschichte‘ und ‚Vielleicht‘ lassen ganz tief in mir die Sonne aufgehen und mich an Autofahrten mit offenem Fenster und verschwitzte Festivalwochenenden zurück denken. Einen besonderen Stellenwert hat ‚Vielleicht‘ für mich, weil es der erste Song war, den ich auf dem Weg nach Hause –nach bestandener letzter Abiturprüfung- im Auto gehört habe und der in diesem Moment sowas wie der Soundtrack meines Lebens war: ‚Vielleicht ist das der Anfang, vielleicht ist das das Ende. Doch es gibt nichts Schlimmeres, als ungewiss zu sein.‘ Zehn Jahre später steh ich mit einem breiten Lächeln im Aladin und rufe meinem jüngeren Ich zu, dass es definitiv der Anfang war.

Madsen wirken immer wie die netten Kumpels von nebenan. Sie sind wie wir, keine Stars und Snobs. Dieser Eindruck verstärkt sich noch mehr, als sie immer wieder Coverversionen in die Setlist einstreuen. Songs wie ‚You Are My Sunshine‘, ‚Smells Like Teen Spirit‘ oder ‚Zu Spät‘ erwecken eher das Gefühl, dass man seine Freunde im Proberaum besucht, als wirklich vor einer Bühne zu stehen und es ist herrlich sympathisch. Mitten im Konzert erfahren die Zuschauer, dass sich Sascha beim letzten Konzert den Rücken verrenkt hat und nur unter Schmerzmitteln und einer aufgetragenen Wundersalbe spielen kann. Immer wieder fragen ihn seine Brüder Sebastian und Johannes besorgt, ob es noch geht und ich beiße solidarisch bei jedem Schlagzeugwirbel (und von denen gibt es ja einige) die Zähne mit Sascha zusammen. An dieser Stelle schicke ich meinen größten Respekt raus, denn es war als Außenstehende in keiner Minute wackelig gespielt. Der Beat hat getrieben wie eine störrische Dampfwalze.

Es ist bei Madsen auch immer wieder dasselbe Elend, ich schwebe von Song zu Song, singe und tanze mich durch diese eingängigen Melodien, lache herzlich über die Anmoderationen und fühle mich dann wie benommen, als die Band die Bühne verlässt. Es geht immer viel zu schnell vorbei. Deshalb versuche ich auch das allerletzte Lied –‚Lass Die Musik An‘ so gut es geht in mir aufzusaugen und mit jeder Faser bewusst zu erleben und es wird tatsächlich ein furioses Finale mit letztem Aufbäumen der Energiereserven – mit Gehopse, Gegröhle, Geklatsche und Gänsehaut. Liebe Madsen-Jungs plus liebe bezaubernde Lisa: Leider habe ich euch das bislang nie persönlich sagen können, aber ich habe euch lieb. Bitte hört niemals damit auf, diese Art Musik zu schreiben und sie live zu spielen. Und vielleicht darf ich euch irgendwann ja auch mal treffen. Ich behalte euch im Auge und im Ohr.

Setlist:

Sirenen
Ich Trink Nur Eben Aus
Du Schreibst Geschichte
Vielleicht
Jam
You Are My Sunshine (Pine Ridge Boys)/Kein Mann Für Eine Nacht
Mein Herz Bleibt Hier
Das Muss Liebe Sein
Love Is A Killer
Kompass
Live Is Life/We Will Rock You
Die Perfektion/No One Knows (QOTSA)
Zu Spät (Die Ärzte)
Smells Like Teen Spirit (Nirvana)
So Cool Bist Du Nicht
Leichter
Nachtbaden
Leuchttürme
Wo Es Beginnt
Where Is My Mind (Pixies)
Lass Die Musik An