Kasabian (Bremen)

Um kurz vor sieben reihen wir uns in die beachtliche Schlange vor dem Pier 2 ein und wenn ich nicht genau wüsste, dass meine Wohnung nur eine knappe halbe Stunde entfernt liegt, ich würde meinen, ich sei in England. Der Grund: Egal, welche Gesprächsfetzen ich vor oder hinter mir aufnehme, alle Menschen talken in English. In der Halle angekommen bleibt es auch auffallend: Kasabian haben viele begeisterte Landsleute mitgebracht. Vorab war ich gespannt, wie das Bremer Publikum auf die vier Herren reagieren wird, die in ihrer Heimat alle fünf Alben in den Top Ten platzieren konnten und live als eine der qualitativ hochwertigsten Bands der Insel gelten – jedoch in Deutschland nur unter Kennern leuchtende Augen verursachen. Und das völlig zu Recht, wie ich an diesem Abend feststelle. Zugegeben, auch ich habe zwar zu ‘Club Foot’ und ‘L.S.F.’ seinerzeit das Tanzbein geschwungen, jedoch bin ich nie tiefer in die Materie Kasabian eingedrungen. Tatsächlich erst, als ich erfuhr, dass Bremen den Auftaktort ihrer Europatour bilden wird, habe ich mir umgehend zwei Tickets und die Alben besorgt – Irgendetwas in mir ahnte da bereits, dass es sich lohnen wird.

Doch der Reihe nach: Als Support Act laufen augenscheinlich bis in die Fußspitzen motiviert Pulled Apart By Horses auf die Bühne. In der einen Sekunde winken sie noch freundlich in die ersten Reihen, in der nächsten dröhnen harte Metal-Riffs durch die Boxen und die langen Haare fliegen in einem 360° Radius um die Köpfe der Musiker. Gut, ich lasse mich auf das illustre Spiel vor mir ein und gewöhne mich allmählich an die Übersteuerung auf unserer Seite, der Sound wird auch zunehmend besser und schließlich ertappe ich mich beim munteren Fußwippen. Es ist gar nicht so einfach, die Musik der vier Herren aus Leeds einzuordnen, ein bisschen Metal hier, ein bisschen Punk da, ein bisschen Rock dazwischen. Besonders gefallen mir aber die ständigen Rhythmuswechsel, die mich an System Of A Down erinnern. Auf jeden Fall schaffen es Pulled Apart By Horses, alle Anwesenden wach zutrommeln und zu schrammeln und zu kreischen und es macht wirklich Spaß.

Meine Vorfreude wächst immer weiter an. Im Laufe der letzten Wochen habe ich mich ernsthaft in Kasabian verliebt, ‘Velociraptor’ lief manchmal tagelang in Dauerschleife auf meinem Weg zur Arbeit, was sich als ziemlich dumm heraus stellen sollte, da mich die Ohrwürmer daraufhin ebenfalls tagelang nicht mehr losließen.

Als das Licht im Pier 2 erlischt, stellt sich der gesellige Smalltalk ein und lautes Willkommensgejohle nimmt seinen Platz ein. Na, die Engländer haben ihren Partypegel erreicht!! In den darauf folgenden 1 ½ Stunden kann ich –zumindest auf meiner Seite- genau erkennen, wer bremisch verhalten und wer british on fire ist und ich tanze, singe und gröhle mit letzt genannter Gruppe, was die Stimmbänder hergeben. Ich bin unfähig, ein Highlight zu benennen. Die neuen Songs finden gebührenden Anklang, „Eez Ehh“ mit seinen beeindruckenden Lasern und dem trancig tanzenden Serge fügt sich rund in das Programm, welches auch Hits wie ‘Re-Wired’ und eben ‘Club Foot’ und ‘L.S.F.’ beinhaltet. Bei ‘Goodbye Kiss’ ist Tom vom rhythmischen Arme-von-links-nach-rechts-schwenken so angetan, dass er den letzten Refrain sogar noch einmal spielen lässt. Um das Songwriting kann man Kasabian nur bewundern, ich habe noch nie erlebt, dass sich Indie, Rock, Pop, Trance und Electro so schnell die Klinke in die Hand geben und die Stimmung unter den Zuschauern dabei immer auf einem hohen Level bleibt. Diese Band ist so herrlich arrogant, sie weiß genau, wie gut sie ist, sie hat zu Recht Vertrauen auf die Wirkung ihrer Songs und trotzdem nimmt sie in ihrem Kosmos auch die Zuschauer wahr, denen sie regelmäßig ausgiebig Applaus spendet und scheinbar eine ehrlich gute Zeit mit ihnen teilt. Immer wieder drehe ich mich um und blicke in Gesichter, die genauso verstrahlt gucken, wie ich mich fühle. Was wirklich ein guter Punkt ist, denn noch einmal muss ich die Lichtshow erwähnen, die mich an diesem Abend schlichtweg vom Hocker haut. Große Lichtkegel, die bis in die hinteren Reihen leuchten, Lasereffekte, durch die Serge mit seinem Dachsschwanz (war es ein Dachs??) wackelt und Farbspiele, die sich an die einzelnen Songs perfekt anschmiegen. Es ist ein Erlebnis der Sinne und JA, JA, JA: Kasabian sind live so großartig, wie ihr Ruf es prophezeit.