Joe Astray

Vom sonnigen Australien ins verregnete Hamburg. Wie kam es denn dazu und was denkst du, wie unterscheidet sich die deutsche Musikszene von der australischen??

Wie es dazu kam, ist eine ganz lange Geschichte, die würde den Rahmen definitiv sprengen. Ich bin mit vier nach Deutschland gezogen, weil meine Eltern hier gearbeitet haben als Künstler. Und ich bin dann ungefähr alle zwei Jahre an einen anderen Ort gezogen und so sieht man viel. Ich bin in Süddeutschland aufgewachsen, in Freiburg, eine wunderschöne Stadt. Da habe ich viele Freunde gehabt und auch intensiv angefangen, Musik zu machen, aber es dort so klein und idyllisch, dass dort nicht viel geht. Es besteht zwar eine coole Clubkultur und auch gute Booker und tolle Konzerte für die kleine Stadt, aber mir fehlte dort irgendwie die Reibung. Und wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, in der ich sein wollte, dann war das Hamburg. Dort hatte ich schon befreundete Bands, ich mag die Stadt und ich wohne auf St. Pauli, da habe ich die Reibung vor der Haustür. Ich kenne dort die Obdachlosen und lasse die auch mal bei mir duschen. Da gibt es viel Dreck und ich mag das Beides. Und vor vier Jahren kam der Entschluss, für die Musik nach Hamburg zu ziehen um das auszubauen. Und das ist im Moment eine ganz spannende Phase und ihr seid auch die Ersten, denen ich das berichte: Ich habe gerade meinen Job geschmissen und werde ab Oktober auf’s Ganze gehen und nur noch Musik machen. Ich bin gerade in dieser Vorbereitung, dass ich vor und nach der Arbeit Konzerte buche, Sachen organisiere und das ist alles ganz schön unsexy, stell ich fest. Ungefähr 60 Prozent Anteil ist Büroarbeit, Organisation, Steuerdreck und sowas und zum Musikmachen kommt man eigentlich kaum. Aber es kommen immer mehr Termine hinzu und ich freue mich jetzt auf Oktober und bin ganz gespannt. Wir können uns ja in einem Jahr nochmal sprechen und dann kann ich euch erzählen, wie es funktioniert.

Um auf die Frage mit der australischen Mentalität zurück zu kommen, das ist ehrlich gesagt schwer zu sagen. Ich bin ja so früh dort weg, bin aber zwischendurch wieder dort hin um zwei Jahre zu arbeiten. Die Leute sind da entspannter auf ihrem isolierten Kontinent. Die haben dort alles, was sie brauchen und sie sind auch sehr stolz darauf, Australier zu sein. Die Sonne scheint die ganze Zeit und es fragt keiner danach, warum du 20 Minuten zu spät kommst; diese ‘No Worries Mentalität’, die gibt es da. In Deutschland ist alles ganz genau getaktet, das läuft dort anders und das mag ich auch ganz gerne. Auf der anderen Seite bin ich ziemlich gut organisiert für einen Musiker. Und deshalb schätze ich es auch bei anderen Musikern, Veranstaltern oder eben euch, wenn Termine eingehalten werden. So arbeite ich gerne, weil Zeit einfach ein wertvolles Gut ist.

Hat das Wetter generell einen Einfluss auf dein Songwriting oder welche ist deine Inspirationsquelle??

Immer das Wetter. Da ich leidenschaftlich gern reise und toure und das am liebsten nur machen würde, schreibe ich auch darüber. Ich beobachte Leute, unterhalte mich mit ihnen, schaue mir Landschaften an. Zum Beispiel bin ich schon seit gestern hier auf dem Festival und habe seitdem mindestens 20 Leute kennen gelernt. All das hat Einfluss auf die Musik, die ich mache. Als ich in Hamburg ankam vor vier Jahren, hatte ich nur den Plan Musik zu machen. Aber ich hatte noch keinen Job, hab also erstmal nur Straßenmusik gemacht und das war eine richtig harte Zeit. Hamburg ist eine teure Stadt und ich hatte nur eine ganz kleine Wohnung. So schön wie die Stadt ist, so trostlos kann sie auch sein. Und das war wirklich düster; ich war vorher einen Monat lang in Australien, bin dort rumgereist und kam im März ins kalte Hamburg. Wenn du Straßenmusik machst, weil du neue Songs testen willst, dann ist es okay, wenn die Leute nichts rein schmeißen. Aber wenn du Straßenmusik machst, weil du dir ein Brot kaufen willst, dann kann das auch ganz schön ätzend sein.

Letztes Jahr im August erschien deine EP. Wird es bald auch ein Album geben, was sind deine derzeitigen Pläne??

Ich habe viel dazu gelernt. Früher war ich ein Typ, der alles sofort haben wollte und der dann auch naiv Türen eingerannt ist. Dadurch habe ich zwar viel erreicht weil ich offen war, aber ich bin auch älter geworden und denke mittlerweile mehr nach. Im November bin ich im Studio, aber ich werde nicht sagen, dass ich ein Album rausbringen möchte. Ich denke, ich werde eher an Sounds feilen, ich habe Bock drauf, eine geile Platte zu machen, aber ich lasse mir dabei so viel Zeit, wie ich eben brauche und mache mir keinen Druck. Zum Glück habe ich ein ganz nettes Label hinter mir, das mir suggeriert, dass ich machen kann, wie ich möchte.

Als Musiker Fuß zu fassen und diese Leidenschaft hauptberuflich ausüben zu können, ist unfassbar schwer. Worin siehst du die größte Herausforderung und was würdest du heute vielleicht anders machen??

Ich tu mich schwer damit, anderen Künstlern zu sagen, was sie machen sollen. Ich bin selbst ein kleiner Fisch, aber ein kleiner Fisch, der Bock hat. Wenn ihr euch jetzt mit ‘Dave Grohl’ unterhalten würdet, könnte der euch bestimmt super geile Tipps geben. Es kann ja auch sein, dass ich fies auf die Schnauze falle. Ich habe gerade auch so Phasen, da telefoniere ich zum Beispiel mit dem Steuerberater und das erzählt dir vorher auch keiner. Das sind eher die Schattenseiten: Versicherungen, dann habe ich mir gerade erst einen Bus gekauft. Ich habe so viel Geld ausgegeben und denke mir, das wird einfach alles überhaupt nicht funktionieren. Das heißt, ich habe auch Angst tatsächlich. Und was ich den Leuten raten würde: Redet nicht die ganze Zeit drüber, sondern macht. Macht euch Gedanken, bedenkt die Risiken und dann zieht durch. Ich werde das jetzt ein, zwei Jahre ausprobieren und dann treffen wir uns wieder und dann werde ich euch erzählen, was man machen kann und von was ich total abraten würde.

Dann schreiben wir ein Buch zusammen, vielleicht sogar einen Ratgeber…

Das ist tatsächlich gerade ein Gedanke von mir!! Ich bin eines Nachts aufgewacht und dachte: Du musst ein Buch schreiben!! Den Gedanken hatte ich vorher noch nie. Aber es ist einfach so viel Organisation, es muss an so vielen Stellschrauben gedreht werden. Aber wenn ich das richtig mache, dann kann ich den Leute auch erst Tipps geben. Nur an dem Punkt bin ich noch nicht angelangt.

Kurzfragen:

Bester Festival-Song??

Lief gestern Abend erst hier beim Festival: ‘We Were Promised Jetpacks – Quiet Little Voices’

Ritual vor dem Auftritt??

Ich laufe wie ein Verrückter durch die Gegend und bin vor Konzerten immer nervös. Vor zwei Jahren habe ich angefangen, zu meditieren und das mache ich kurz vor dem Auftritt auch noch. Man singt besser, wenn man Lockerungsübungen macht und vielleicht auch ein bisschen Sport.

Erste Lieblingsband/Lieblingskünstler??

Das ist ja eine geile Frage!! Jetzt, wo wir gerade auf dem Oakfield sind, fällt mir ‘Rocky Votolato’ sofort ein. Den höre ich schon sehr lange und, der ist ein Idol aus meiner Jugend ich freue mich darauf, heute mit ihm eine Bühne zu teilen. Aber angefangen mit der Musik habe ich tatsächlich wegen ‘Blink 182’.

Beste Musik für lange Autofahrten??

Das kommt auf die Stimmung an. Wenn du auf der Autobahn dem Sonnenuntergang entgegen fährst, dann ist es ‘Rocky Votolato’ oder ‘Eels’. Ansonsten höre ich viel Punkrock, ‘Weezer’ habe ich in Australien immer im Auto gehört. Ich hatte dort ein ganz altes Auto mit einem großen Loch im Auspuff, weshalb ich mit Ohropax fahren musste, weil es so laut war. Es roch nach Benzin, man war also auch immer ein bisschen high. Ich hatte nur ein Kassette und darauf was das grüne Album von ‘Weezer’ und das war großartig um weite Strecken zu fahren.

Neuentdeckung des Jahres??

Gute Frage. Eine Band, die ich für mich entdeckt habe, ist ‘Heim’: Ziemlich geile Platte, guter Aufbau der Songs in der Dramaturgie. Dann mag ich natürlich ‘Abramowicz’ sehr gerne.