Jakob Amr (Leoniden)

Ihr habt ja nun schon auf einigen Festivals gespielt. Welches war bislang euer Highlight und warum?? Oder gibt es ein Festival, auf das ihr euch besonders freut??

Der Unterschied zwischen Festival und Clubtour liegt darin, dass wir jetzt auch unter der Woche mal zu Hause sind. An diesem Wochenende spielen wir vier Festivals, aber dann fahren wir wieder nach Hause, verdienen ein bisschen Kohle und hängen mit unseren Freunden ab. Bei einer Clubtour dreht es sich noch ein bisschen mehr um die Band. Man spielt, wenn es spät und dunkel ist, dadurch sind die Bedingungen manchmal etwas besser. Aber Festivals haben ihren eigenen Charme und ich kann für mich persönlich auch welche nach vorne stellen: Ich fand zum Beispiel das ‘Kosmonaut’ super nett gemacht. Da wurden wir so gut versorgt, so gutes Essen, so nett, so ein schönes Konzert, obwohl wir die Hauptbühne eröffnet haben. Aber das machen auch gerade die kleinen Festivals aus und das macht auch im Nachhinein die Festivals aus ehrlich gesagt, die eigentlich ein bisschen Scheiße sind. Bei denen etwas nicht gut läuft, weil man dann lernt, mit diesen Situationen umzugehen und robuster wird. Bei einer Clubtour ist vielleicht manchmal die Bühne etwas klein, aber da kannst du nicht so richtig auf die Fresse fallen. Aber wenn du bei Festivals unter Zeitruck stehst, musst du innerhalb von zehn Minuten die Instrumente aufbauen, aber das haben wir alles geschafft. Und das Wichtigste für uns ist einfach: Hauptsache, Konzerte spielen!!

Nach der Festivalsaison ist vor der Konzertsaison. Seid ihr da mental permanent unterwegs im Kopf oder kehrt bei euch auch nochmal sowas wie Alltag ein?? Wie verrückt ist das Leben nach dem Album-Release geworden??

Eigentlich kommen wir zu Hause nicht ganz runter. Ich arbeite in einem veganen Versandhandel mit super netten Leuten zusammen, die ganz flexibel auf die Zeiten mit den Leoniden reagieren, was richtig geil ist und mit denen häng ich dann ab und arbeite ein bisschen. Aber ich telefoniere trotzdem zehn Mal am Tag mit Lennart wegen irgendwelcher Sachen. Am Montag erholen wir uns ein bisschen, das ist unser eintägiges Wochenende und dann freut man sich auch schon wieder auf Freitag und das Wochenende geht dann auch wieder so schnell vorbei. Wir erleben momentan so krass viel. Djamin hat das vorhin schon gesagt, dass die Tour vor vier Monaten war, aber es kommt einem schon so lang her und wir sind noch bis Oktober unterwegs, da kommt dann die nächste Clubtour.

Sisters ist das neue Video von euch. Dieses Mal seid ihr vor, aber auch hinter der Kamera aktiv gewesen?? Wer hatte die Idee zum Video, wie war es, Regie zu führen??

Genau, ich habe das Drehbuch übernommen bis zu einem gewissen Prozentteil und dann haben wir ganz viel darüber geredet. Vor allem nah mit Constantin (Timm), unserem Filmer, der davon noch mehr Ahnung hat.

Für uns ist der Song auffällig melancholisch und es wird uns der Eindruck vermittelt, dass es darum geht, dass die Zeit verrinnt und man nichts dagegen tun kann. Und man denkt vielleicht an schöne Erlebnisse in der Vergangenheit zurück, obwohl man längst woanders und allein ist – so wie im Video.

Ich finde es eigentlich blöd, meine eigene Meinung dazu zu sagen, wenn ich Interpretationen angeboten bekomme, weil ich das Video nicht verorten möchte. Wir haben es gemacht und wenn die Leute daraus was schließen können, dann ist das schön. Und der Song ist schon auffällig, die Strophen sind übersichtlich und sogar ein bisschen langsam für Leoniden-Verhältnisse. Dann am Ende verlieren wir wieder die Nerven, dann kommt ein Chor und alles ist schnell und stampfig. Aber ja, es ist tatsächlich ein etwas melancholischerer Song.

Und war es dein erstes Mal Regieführung?? Das muss doch auch viel Arbeit gewesen sein?!

Es hat aber so viel Spaß gemacht. Wir sind ja keine Filmer und das möchten wir uns auch gar nicht rauf schreiben. Ich starte jetzt keine zweite Karriere und nenne mich Regisseur. Wir wussten einfach relativ schnell, dass es ein Nachtvideo wird mit einer übersichtlich großen Gruppe an Leuten und wir im besten Fall mit dabei. Und dann hat sich schnell die Hauptrolle heraus kristallisiert und dann wusste ich direkt, dass Joni das machen soll, weil er diese Rolle einfach lebt. (lacht)

Es wirkt auch nicht, als müsste er groß schauspielern.

Nein, musste er auch nicht und ‘Sisters’ ist auch, glaub ich, sein Lieblingssong von uns.

Hat er wirklich gekotzt im Video??

Ja, klar. Das haben wir auch schon vorher abgesprochen. Ich hatte ihm angeboten, dass er Erbsensuppe in den Mund nehmen kann und die dann ausspuckt, aber er hat nach ein paar Jägermeistern ordentlich los gereihert. Richtig gut.

Und habt ihr eigentlich einen Vogel eingesperrt, der am Ende des Videos raus gelassen wurde??

(lacht sich schlapp) Constantin hat Joni vier, fünf Minuten gefilmt und dann gab es halt diese eine Einstellung und da war klar: Es ist kitschig, aber es ist schön.

Im Booklet bedankt ihr euch bei einem Martin für seinen Piano-Part unter anderem bei dem Song ‘Skin’. Dieser befindet sich aber gar nicht auf dem Album. Wird ‘Skin’ als B-Seite auf einer Single erscheinen oder kommt er vielleicht sogar auf das nächste Album??

Ach, das steht noch drin?! Ich glaube, das haben wir bei der zweiten Pressung raus genommen…das war so ein Song, den haben wir aus einem alten Leoniden-Song zusammen gepuzzelt und relativ knapp vor’m Studio nochmal komplett umgedreht und ganz anders gemacht. Ich habe den auch letztens erst wieder gehört und finde den auch ganz gut, aber der passte einfach nicht auf’s Album. B-Seite wäre schon charmant, aber wann bringen wir schonmal ‘ne B-Seite raus?! Auf’s nächste Album kommt er eher nicht, da sind wir uns schon relativ sicher.

Für uns seid ihr eine Live-Band, durch und durch und speziell bei einem Festival passt ihr perfekt ins Programm. Durch die Bank weg lesen wir nur Lobhudeleien und positives Feedback. Wie geht ihr damit um und ändert die Euphorie vielleicht auch eure Ziele, denkt ihr höher, schneller, weiter??

Das ist eine gute Frage. (überlegt) Wir lassen und davon auf jeden Fall nicht den Kopf verdrehen. Wir freuen uns, dass es so vielen Leuten gefällt und wir sehen ja auch, dass es wächst, aber wo der Deckel kommt oder ab wann die Euphorie nachlässt, das kann ja niemand sagen. Wir nehmen das Wort nur ganz ungern in den Mund, aber sind wir jetzt doch nur ein ‘Hype’ 2017 und 2018 Schnee von gestern?? Wir bleiben einfach so, wie wir sind. Aber wir lesen einfach ALLES, wir gucken jede Instagram-Story, in der wir erwähnt werden. Wir gucken uns jedes #Leoniden Bild oder Video an und freuen uns einfach, dass Leute das mit uns teilen. Aber dieses ‘Wir haben es geschafft’, also gerade auf dem Papier, da sind wir noch lange nicht. Davon leben können wir noch nicht.

Kurzfragen:

Bester Festival-Song??

Für mich lief jedes Wochenende ein anderer Song, einen festen hatte ich tatsächlich nie.

Ritual vor dem Auftritt??

Die kühle Seite ist, dass wir alles 100 Mal checken. Ob wirklich alles funktioniert, alles gerade ist und dann versuchen wir, einfach ganz entspannt zu bleiben. Wir wünschen uns allen ein gutes Konzert, aber wir haben kein Ritual. Da merkt ihr es schon, ne!? Die Romantik hört bei uns total auf, wenn es nicht um die Musik geht. (lacht)

Es geht ja jeder anders mit Nervosität um. Einer kann nicht allein sein, der Nächste muss auf jeden Fall allein sein…

Stimmt, Felix meditiert zum Beispiel, das kann man auch nur alleine.

Erste Lieblingsband/Lieblingskünstler??

Bei mir waren das ‘The White Stripes’.

Nicht dein Ernst?! Was ist das für eine coole, erste Lieblingsband?! Wir wollten jetzt was Peinliches hören!!

Ach so, wir fangen richtig weit vorne an!! Davor war ich ein Typ, dem sein Vater die neuest ‘Bravo Black Hits’ mitgebracht hat. Als Kind habe ich zu ‘Eiffel 65 – Blue’ abgetanzt; das Video fand ich so geil, so richtig schlecht animiert. Aber CD’s oder Kassetten…DOCH, ‘Scooter’!! ‘FIRE’, das fand ich so geil und JETZT kommt die Story: Ich saß als Kind mal im Flugzeug und hinter mir saß H.P. Baxxter!! Und ich hatte meinen Walkmann dabei und hab ‘Fire’ angemacht und auf volle Pulle gestellt in der Hoffnung, dass er es erkennt. Aber er hat nicht reagiert.

Beste Musik für lange Autofahrten??

Während der Festivals fährt man ja viel längere Strecken, weil man immer von zu Hause aus los fährt. Und Lennart hat gerade den Twist, dass er sich lange Elektro-Sets anhört. Bei acht Stunden Fahrt ist das halt geil, weil man davon nicht genervt wird. Lennart sagt immer: Wenn keine Melodie dabei ist, dann ist es einfach nur scheiße!! Und dann gibt es immer wieder Punk-Breaks, dann hören wir auch mal ‘At The Drive-In’ bis alle genervt sind.

Das ist aber auch eine geile Band zum Autofahren!!

Auf jeden Fall. Aber wenn Lennart irgendwann so Auto fährt, wie er auf der Bühne steht, dann ist es vielleicht besser, chillige Wechsel zu hören.

Neuentdeckung des Jahres??

Witzigerweise wurde mir die Frage gerade schon gestellt und ich hatte keine Antwort parat. Jetzt habe ich eine!! Ich fische trotzdem erst ein bisschen rum, weil ich finde, dass es in diesem Jahr ziemlich wenige Bands aufkommen. Bands, mit denen wir dieses Jahr öfter zusammen spielen, sind zum Beispiel ‘Giant Rooks’ oder ‘Gurr’, die wir auch super cool finden, aber eben schon eine ganze Weile kennen. Gerade richtig spannend sind ‘Parcels’, eine übergeile Band!! Ich habe die noch nicht live gesehen, aber sind richtig gute, junge Australier, die nach Berlin gezogen sind, 19 oder 20, Wahnsinn. Wenn ‘Daft Punk’ richtige Instrumente spielen würden, mit ein bisschen Indie noch drin, so klingen ‘Parcels’. Und ansonsten bin ich 27, ich entdecke nicht mehr so viel Neues, ich höre meine guten, alten Sachen, die ich schon seit Jahren höre. (spricht wie ein alter Opi) Die neue ‘Dirty Projectors’ Platte ist auch sehr gut und ansonsten natürlich ‘I Salute’. Das Album ist heute erschienen.