Hurts (Hamburg)

Hurts - Hamburg - Konzert

Mit der Musik von Hurts verbinde ich eingängige Melodien, fabelhafte Produktionen und eisige Kälte. Tatsächlich sehe ich die zwei Männer aus Manchester fast ausschließlich im Herbst und Winter. Auch dieses Mal klappern mir die Zähne, als ich bibbernd auf den Einlass warte. Die Jacke blieb im Auto; schließlich möchte ich einen guten Platz vor der Bühne ergattern und deshalb keine Zeit an der Garderobe verschwenden. Und so finde ich mich schließlich glücklich in der zweiten Reihe wieder und meine unmittelbaren Nachbarn scheinen auch von freundlicher und entspannter Natur zu sein. Das habe ich bei Hurts-Konzerten auch schon anders erlebt; aber heute soll das Schubsen und Rippenpieksen erfreulicherweise ausbleiben.

Besonders gut gefällt mir bei diesen Konzerten, dass meist zwei Vorbands spielen. Da bekommt man für sein Geld ordentlich was geboten. Den Anfang macht heute Tom Walker und der Brite hat eine Stimme, die mich umhaut: Einerseits warm und einnehmend, dann aber an den richtigen Stellen rau und kräftig. Mehrere Male reißen mich die Songs mit und der immer lauter werdende Apllaus nach jedem Song zeigt mir, dass es dem Rest des Publikums wohl auch so ergeht.

Tom Walker

 

Bereits hoch zufrieden applaudiere ich dem darauffolgenden Künstler Alex Vargas und obwohl er elektronischere Musik spielt, steht er qualitativ Paul Walker in nichts nach. Auch er weiß mit seiner Stimme zu überzeugen; beide Vorbands hinterlassen bei mir einen bleibenden Eindruck. Da haben es sich Hurts beziehungsweise Sänger Theo Hutchcraft nicht leicht gemacht. Zwei so starke Vorlagen muss man erstmal parieren können.

Alex Vargas

 

In der Umbaupause blicke ich hinter mich. Das Mehr! Theater Hamburg ist ein wunderschönes Multifunktionstheater – innen wie außen -. Spezielle Künstler, wie Hurts, bei denen Ästhetik eine große Rolle spielt, passen wunderbar in diese Lokalität. In das Bühnenarrangement wurde ebenfalls erneut viel Arbeit rein gesteckt. Im hinteren Abschnitt befindet sich ein Podest, auf dem von links nach rechts Schlagzeuger Paul Walsham, Bassist Lael Goldberg, phasenweise am Keyboard Adam Anderson, die bezaubernden Backgroundsängerinnen und Keyboarder Pete Watson Platz finden. Der Bereich vorn an der Bühne gehört Theo und meistens auch Adam.

Als das Licht gedämmt wird, bleiben die Protagonisten zunächst fern, dafür nimmt der Rest der Band seine Position ein und beginnt mit dem gleichnamigen Intro zum Album beziehungsweise zur Tour: ‚Desire‘. Wie schon bei allen bisherigen Konzerten von Hurts, denen ich beiwohnen durfte, stellt sich auch dieses Mal ein wohliges Kribbeln ein. Als Adam und Theo dann unter tosendem Beifall und Jubel auf der Bühne erscheinen, weicht das Kribbeln einem breiten Grinsen. Anders als bei den ersten Konzerten, während derer ich fast nur still stand und den melancholischen bis düsteren Songs lauschte, werde ich heute Abend öfter ausgelassen tanzen können. Und auch das gleich zu Beginn zur letzten Single ‚Ready To Go‘. Es ist toll zu sehen, dass auch Theo und Adam bester Laune zu sein scheinen. Sie winken, lächeln und bewegen sich tänzelnd über die Bühne.

Die Mischung aus alten und neuen Songs zeigt die Bandbreite der Facetten, die Hurts bedienen kann. Natürlich sind sie eine Pop-Band, doch innerhalb dieses Genres springen sie von Synthie über Dark bis hin zu Funk, den sie im aktuellen Album für sich entdeckt und in ihrem Stil interpretiert haben. Dafür, dass die Fans die vielen Experimente unterstützen und der Band treu bleiben, sind Theo und Adam sichtlich dankbar. Die beiden Briten machen es sich aber auch nicht leicht beim Songwriting. Neben den schönen Melodien lohnt sich ein Blick auf die Texte. ‚Beautiful Ones‘ beispielsweise thematisiert die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Wer optisch nicht in eine bestimmte Form passt, wird oft ausgegrenzt oder bekommt den Eindruck vermittelt, weniger wert zu sein. Ebenso wie diejenigen, die auch mal gegen den Strom schwimmen. Der Song wendet sich an all diese besonderen Menschen und will sagen: Hey, im Grunde genommen seid ihr die wahrhaft schönen Geschöpfe!! Böse Zungen könnten nun behaupten, dass es berühmten, beliebten und in teure Designeranzüge gesteckten Musikern leicht fallen sollte, solche Songs zu schreiben von dem hohen Thron aus, auf dem sie sitzen. Aber weit gefehlt.

Vor einigen Monaten bekannte sich Adam zu seinen Angstzuständen und Depressionen, die ihn seit zwei Jahrzehnten begleiten. In einem offenen Brief rief er ebenfalls Betroffene dazu auf, sich helfen zu lassen und machte deutlich, dass die bearbeitete, frisierte Glitzerwelt, die die Medien oft zeigt, nicht der Realität entspricht. Mit dem Wissen im Hinterkopf beobachte ich Adam an diesem Abend ein wenig öfter und freue mich, ihn in diesem gut gelaunten Zustand zu sehen.

Und als wäre der Abend nicht schon ausgelassen genug, wirft Theo dann und wann langstielige Rosen in den Zuschauerraum – eine mittlerweile lieb gewordene Tradition. Ich sehe Mädchen mit leuchtenden Augen, Paare, die sich eng aneinander gekuschelt im Takt der Musik wiegen, Rentner, die ausgelassen klatschen und tanzen. Oh ja, Hurts erspielen sich einmal mehr sämtliche Sympathien und ich bin glücklich, auch dieses Mal wieder dabei gewesen zu sein. Und dafür würde ich jedes Mal wieder die klirrende Kälte beim Anstehen in Kauf nehmen.
Setlist:
Ready To Go
Some Kind Of Heaven
Sunday
Silver Lining
People Like Us
Hold On To Me
Miracle
Rolling Stone
Weight Of The World
Better Than Love
Somebody To Die For
Sandman
Lights
Walk Away
Something I Need To Know
Wonderful Life
Nothing Will Be Bigger Than Us
Wings
Beautiful Ones
Stay