Hugh Harris (The Kooks)

Herzlichen Glückwunsch zu eurem fünften Studioalbum ‘Let’s Go Sunshine’. Was für eine schöne Sommerplatte, viele der Songs passen aber auch in den Herbst. Wie waren die Rückmeldungen bisher??

Das stimmt, wir hatten dieses Jahr wirklich Glück mit dem Wetter. Also kein schlechtes Timing, jetzt ein Album raus zu bringen, was im Titel ‘Sunshine’ beinhaltet (lacht). Das war der heißeste Sommer seit 1972, glaube ich. Es gab gemischte Rückmeldungen. Die Leute, die das Album verstanden haben, mögen es. Es gab aber auch ein paar fragwürdige Komplimente seitens der Presse, die wir aber wohl immer als Band bekommen werden. Es ist einfach schwer, sich zu entwickeln, wenn die Presse dir einmal einen Stempel aufgedrückt hat. Als wir anfingen Musik zu machen, liefen wir oft im Radio und so wurden wir schnell in die kommerzielle Alternative-Ecke geschoben.
Aber wir freuen uns sehr über die Reaktionen der Menschen, die die Message des Albums verstanden haben.

Zusammengefasst beschreibt das Album, wie gut, aber auch wie schmerzhaft Liebe sein kann. Es ist textlich wieder ein sehr persönliches Album geworden. Hörst du bei den Demos erst die Melodie oder achtest du auf den Text?? Fällt es dir schwer, die Emotionen eines Songs zu adaptieren und deinen Teil beizusteuern??

Das weiß ich gar nicht wirklich. Aber unbewusst fühle ich mich wahrscheinlich sehr verbunden zu den Songs. Ich höre mir meistens erst den Song an und versuche eine Melodie einzubringen. Es ist nicht so, dass ich Gitarrenriffs parat liegen habe, die ich gerne verarbeiten möchte, sondern ich höre ein Demo und probiere dann Griffe auf meiner Gitarre aus. Aber ich glaube, wenn der Songentwurf kommt, dann gibt es auch immer schon den Text dazu. Und beides arbeitet zusammen, ein Text beeinflusst ja auch die Stimmung, die Energie einer Melodie. Es ist also schon immer eine Ausgangslage vorhanden und ich versuche, bestimmte Teile besonders hervorzuheben.

Wie hat sich eure Arbeitsbeziehung entwickelt über die Jahre?? Gibt es Abläufe, die immer gleich sind oder probiert ihr euch oft neu aus??

Du kannst dich definitiv immer entwickeln, verbessern und lernen. Ich finde es schön, dass man speziell bei unserem aktuellen Album das musikalische Können hören kann. Wir haben wirklich viel miteinander geredet und ich mag, dass sich unsere Band in diese Richtung entwickelt hat. Und ich freue mich auch sehr auf unsere nächsten Liveshows. Denn sie werden auch besonders werden aufgrund dieser engen Zusammenarbeit.

Ich mag, dass ich nach ein paar Sekunden erkennen kann, wann ein Kooks Song läuft, ihr habt definitiv einen eigenen Sound entwickelt. Kannst du erklären, wie ihr euren Stil gefunden habt??

Wow, das weiß ich wirklich nicht. Es ist lustig, dass du das so sagst, denn am Anfang war es für uns schwer, einen eigenen Sound zu finden. Deshalb mochte uns die Presse auch nicht so gerne, weil wir in kein richtiges Format gepasst haben.
Aber um ehrlich zu sein, denke ich, dass unsere Melodien und unser Verständnis für Popmelodien unseren Sound ausmachen. Eingängige Melodien gut verpacken und diese dann überzeugend rüberbringen. Das haben wir immer versucht und es ist schön, wenn wir darüber unseren eigenen Weg gefunden haben. Endlich (lacht).

Wie verrückt war es für euch, in so jungen Jahren so viel von der Welt zu sehen?? Wir sind nämlich gleich alt, aber gefühlt habt ihr schon mindestens doppelt so lange gelebt, was ihr alles erlebt haben müsst, welche Flecken der Erde ihr schon bereist habt!?

Ich weiß, es ist verrückt. Manchmal muss ich mich auch mal rausnehmen und durchatmen, weil ich es kaum händeln kann. Und du hast vollkommen Recht, sowohl privat, als auch beruflich bin ich durch so viele Stadien gegangen, die andere in 50, 60 Jahren nicht erleben. Ich weiß nicht, warum es uns passiert ist, das kann ich nicht erklären. Es fühlt sich an, als entscheide sich das Leben über eine Auslosung und ich hatte einfach Glück. Aber neben dem Glück ist es auch wahnsinnig stressig, in so kurzer Zeit so viel zu erleben. Und dann gibst du dein Geld für Berater aus, da musst du dann noch zusätzlich Glück haben. Du sagst, wir sind gleich alt??

Ja, als ich noch die Schulbank gedrückt habe, hast du bereits international Konzerte gespielt.

Verrückt. Aber ich hätte auch gerne eine klassische Ausbildung gemacht oder studiert. Ich kann nur Gitarre spielen. Wenn ich das nicht mehr ausüben könnte, wäre ich arbeitslos. Und bei mir geht es ja noch. Aber denke mal an Leistungssportler, die von Klein auf trainieren und nur auf dieses kurze Zeitfenster hinarbeiten, indem sie in ihrer Sportart erfolgreich sein können. Dagegen hab ich es ja noch gut getroffen. Aber unter diesem Aspekt beneide ich dich und dass du deine Abschlüsse machen konntest.

Da musst du mich doch nicht beneiden. Ich war einfach immer zu vorsichtig und habe das Risiko gescheut. Im Gegensatz zu euch, ihr ward mutig und habt gesagt: Wir glauben an das, was wir können und Wagen den Schritt.

Ja, aber das war komplett irre!! Das war Wahnsinn und Selbstzerstörung. Ich mag gar nicht daran denken was passiert wäre, wenn es für uns nicht so gut ausgegangen wäre.
Ich bin damals nach München gegangen, denn ich wollte auch mal studieren und vorher ein paar Monate Deutsch lernen und hab mir eine Gastfamilie in München gesucht. Das war eine schöne Zeit mit den holprigen Unterhaltungen und dem guten Bier.
Und mein Vater sagte damals: Los, zieh das durch, versuche dein Glück als Musiker. Rückblickend denke ich, dass das ein schrecklicher Ratschlag war, alles aufzugeben und so ein Risiko einzugehen. Ich meine, wie unwahrscheinlich ist es denn, dass das so gut endet wie bei uns?! Und ich bin auch nicht pessimistisch, sondern realistisch. Ich denke, es ist ein schmaler Grad zwischen mutig und verrückt.

Da hast du Recht. Aber persönlich bin ich sehr froh, dass ihr es gewagt habt, denn der Soundtrack meiner Jugend wäre bedeutend kleiner ohne eure Musik.

Na gut, dann sage ich mal: Gern geschehen (lacht).

Ein Vorteil eures Jobs ist, dass ihr Künstler treffen könnt, zu denen ihr aufschaut. Die Rolling Stones zu supporten zum Beispiel stelle ich mir aufregend vor. Was war der beste Ratschlag, den euch andere Musiker gegeben haben??

Es gab mal diesen Gentleman, an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann. Aber der sagte zu mir: Mach immer die Promo mit, sei bei den Interviews dabei. Denn nur dann kannst du all die schönen Geschichten erfahren, die Menschen dir erzählen werden. Dinge, die sie mit deiner Musik verbinden. Und ich versuche wirklich, die Balance zu halten und dieses Band nicht abreißen zu lassen.
Und bei den Stones war es für mich so, dass ich viel zu schüchtern war, sie was zu fragen. Ich denke, ich frage meine Idole aber auch deshalb nichts, weil ich die Dinge selbst erleben will. Das klingt vielleicht selbstzerstörerisch, aber zum Beispiel bei einer Trennung, so schmerzhaft sie auch sein kann, man lernt daraus. Und ich frage auch deshalb meine Idole nicht aus, weil ich mir Antworten von Ihnen auch gut aus Interviews ziehen kann, die sie für TV und Radio gegeben haben. Sorry für die blöde Antwort, aber wenn ich vor meinen Vorbildern stehe, bin ich lieber passiv und starre sie an (lacht).

Kein Problem, ich kann dich verstehen. Der Teenager in mir liegt gerade bewusstlos am Boden (lacht). Ihr habt so jung angefangen Musik zu machen, dass ihr mit knapp 30 schon eine Best Of Tour gespielt habt. Wenn du an die Zukunft denkst, wo siehst du dich und die Band in zehn Jahren??

Das ist eine sehr gute Frage, denn das Bild über unsere Zukunft wird für mich immer klarer und klarer, je älter ich werde. Vor zehn Jahren hätte ich dir das noch nicht sagen können. In zehn Jahren wird dieser Organismus, diese Freundschaft, die wir haben, diese explosive, wundervolle und schöne Kunst, die Projekte an denen wir arbeiten, weiterbestehen. All diese verrückten Dinge, die guten Ideen, die wir als Band haben und wir sind in all dieser Zeit einfach zu 100 Prozent zusammen gewachsen. Wir haben so viel in dieses Projekt rein gesteckt, dass es unser Leben wurde. Sodass es schlicht und ergreifend bescheuert wäre, jetzt einfach aufzuhören – nach allem, was wir zusammen durchgestanden haben, müsste schon etwas wirklich Schlimmes passieren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir jemals die Nase voll von uns haben werden. Denn ich denke, wenn du genervt bist von etwas, dann bist du das Problem, dann bist du halt nicht kreativ oder etwas anderes wurmt dich. Du kannst nicht einfach sagen: „Diese Band macht mich krank“, sondern dann musst du konkrete Punkte auf den Tisch bringen. Es hängen ja noch andere Leute mit dran, auch ein Publikum. Arbeite an dir, aber gib nicht auf. Jedes Album ist ein Prozess und es ist immer Arbeit, aber wir haben unseren Weg gefunden.

Wann immer ich etwas über eure Musik lese, es wird jede Platte mit eurem Debüt verglichen. Kannst du die Aufregung darüber nachvollziehen oder nervt sie dich manchmal??

Nein, das nervt mich nicht; es war ja wirklich ein sehr spezielles Album. Es war natürlich auch eine große Herausforderung, ich meine, es war unsere erste Platte!! Es war so eine riesige und aufregende Sache und ich war erst 18 Jahre alt!! Wir waren so begeistert, diesen Weg zu gehen und haben uns komplett rein gehängt und dann wurde es plötzlich so groß und rann uns ehrlicherweise ein wenig aus den Händen. Und dann hat man einfach keinen Einfluss mehr drauf, das Kind weiter zu erziehen, wenn man das so vergleichen kann. Die Musik -als mein metaphorisches Kind- hat nie die Erziehung bekommen, die es hätte kriegen sollen, weißt du?! Die Musik hatte nie die Chance sich zu entwickeln oder zu erkennen, worin sie besonders gut ist. Diese Musik war ein bisschen von allem, sie war verrückt: Mal gab es ein Liebeslied, dann folgte Punk – es war irre. Das Album war einfach nicht ausgereift. Und dann war es veröffentlicht und wir konnten nicht weiter daran feilen oder die richtige Formel anwenden. Wir wussten nicht, was damit geschehen würde und können auch nicht erklären, was genau das Album so erfolgreich gemacht hat. Und am Ende blieb bei uns auch eine Art Angst, da wir nicht einschätzen konnten, was folgt, wie lange dieser Erfolg anhalten kann. Wir fingen an eifersüchtig aufeinander zu werden, aus unserer Unsicherheit heraus und die Band drohte auseinander zu brechen. Dann mussten wir das zweite Album veröffentlichen und es landete auf Nummer 1 und irgendwie kam das für uns nicht mal überraschend. Unser Umfeld hatte das beinahe schon erwartet. Aber wir wussten noch immer nicht, warum und wir hatten keine Zeit für Analysen. Und aus heutiger Sicht bin ich einfach nur froh, dass wir jetzt in einem Alter sind, wo wir Dinge viel mehr schätzen können. Damals hatten wir echt keinen Schimmer, was abgeht. Und mir ist etwas klar geworden, was auch vielen anderen Künstlern passiert: Wenn du etwas veröffentlichst und damit Erfolg hast, dann mögen dich die Leute für das, was du am besten kannst. Aber dann versuchst du dich selbst herauszufordern und zu verändern. Aber jedes Mal, wenn du dich von dir selbst entfernst, verlierst du ein Stück deiner Identität. Unser Debütalbum war unsere Identität und wir wollten sie nicht mehr. Danach lag die Challenge darin, wieder zu sich selbst zu finden und dann gab es Leute, die mich fragten: „Du versuchst also gerade, dein ersten Album zu wiederholen?!“ Und ich sagte denen: „Ja, warum denn auch nicht?!“ Das waren ja auch WIR, wir versuchen es nicht zu Kopieren und neu zu veröffentlichen, sondern wir wollen nur wir selbst sein. Wir wollen unsere Stärken ausspielen, unsere innere Qualität anzapfen. Wenn sich etwas an unserer Band verbessert hat, dann ist es das Zurückkehren zu den eigenen Fähigkeiten. Und ich denke auch nicht, dass unser Debüt unser bestes Album war, aber es bekam diese riesige Aufmerksamkeit und unsere weiteren Platten wurden ziemlich stark kritisiert, zumindest die zweite und dritte. Das empfinde ich als ziemlich unfair. Neulich habe zu unserem Album einen Kommentar gelesen, der sagte: „Das neue Kooks Album ist nach sieben Jahren endlich mal wieder ein Top Ten Erfolg!!“ Als hätten wir sieben Jahre lang versucht, ein Top Ten Album zu schreiben. In Wahrheit gab es in den letzten sieben Jahren nur ein Studioalbum namens ‘Listen’ und das war auf Platz 16 der Charts – also auch nicht so weit weg von den Top Ten (lacht). Aber das ist die Art, wie diese Leute unseren Erfolg beschreiben, sehr zweischneidig, aber was soll’s?! So viel zu deiner Frage, was denkst du denn über unser erstes Album, findest du es gut??

Ich mag, dass es ehrlich und ungefiltert war. Als Teenager ist man eben auch wechselhaft und springt in seinen Emotionen hin und her und deshalb empfand ich die Platte immer als authentisch.

Ja, das ist noch ein wichtiger Punkt: Es war eine Reflexion auf die typische Teenager-Unsicherheit. Wir haben als über 30-Jährige noch immer diese Gefühle, aber dir wird mit zunehmendem Alter das Werkzeug geliefert, um damit umgehen zu können (lacht).