Fettes Brot (Bremen)

Um kurz nach sieben führt eine lange Menschenschlange vom Eingang des Pier 2, entlang der Parkplätze und Tourtrucks, bis auf die Straße. Und diese will einfach nicht kürzer werden. Es ist schon fast halb acht, als ich endlich aus der klirrenden Kälte in den angenehm warmen, aber proppevollen Eingangsbereich komme. An der Garderobe wartet die nächste Schlange, die sich nach fünf Minuten auflöst, weil keine Jacken mehr abgegeben werden können. Wahnsinn. Aus der Ferne höre ich noch die letzten beiden Lieder der Vorband ‘Fatoni’, die amüsanten Hip Hop präsentieren. Schade, dass ich mehr davon sehen konnte.

Da ich einen Fotopass ergattern konnte, habe ich keine Zeit zum Verschnaufen, sondern schiebe und quetsche mich nach vorne, um dort auf meinen Einsatz zu warten. Als das Licht ausgeht renne ich an euphorisch klatschenden und jubelnden Menschen vorbei. Dann fällt der Vorhang und drei Herren treten ins Scheinwerferlicht: König Boris, Doc Renz und Björn Beton (den ich noch immer Schiffmeister nenne, bin halt ein älteres Semester), besser bekannt als Fettes Brot. Lässig in Collegejacken und mit Sonnenbrillen auf der Nase startet ihr Konzert mit ‘Teenager vom Mars’. Ein Song, der mich im Radio nicht so abholen konnte, aber als Opener heizt er ganz gut ein. Bei der nächsten Nummer stehe ich vor meiner größten Herausforderung: Als ‘Können Diese Augen Lügen’ ertönt, bin ich schlagartig textsicher, meine Beine tanzen, mein Körper will springen, aber ich muss trotzdem die Zeit nutzen, um Fotos aus dieser tollen Position zu schießen. Ich quäle mich und knipse, während ich gleichzeitig singe und versuche, meinen Körper zur Ruhe zu zwingen. Die anderen Fotografen scheinen dieses Problem nicht zu teilen. Noch einen weiteren Song lang renne ich den Bühnengraben auf und ab und mache Bilder aus den unterschiedlichsten Winkeln. Dann werde ich mit der gesamten Pressemeute nach draußen geführt, damit wird die Kameras abgeben können. Von weit weg erkenne ich, dass die Brote gerade ‘Erdbeben’ spielen und mir jucken direkt wieder die Tanzbeine. Zu meinem großen Entsetzen verlässt der Großteil der Journalisten direkt wieder die Veranstaltung. Ein Sicherheitsmann sieht es mir wahrscheinlich an und fragt, ob ich wieder nach vorne möchte, natürlich nehme ich das Angebot sehr gern an und so finde ich mich kurze Zeit später ganz außen im vorderen Bereich mit super Blick auf die Bühne und kann ab jetzt den Abend in vollen Zügen genießen. Vielen Dank an dieser Stelle an das wirklich freundliche und entspannte Security-Team, ihr macht einen Spitzen-Job!!

Wie bereits erwähnt, begleitet Fettes Brot mich schon sehr lange. Deshalb hängt mein Herz besonders an Klassikern wie ‘Nordish By Nature’ und ‘Jein’ und als diese sogar nacheinander gespielt werden, bin ich schon relativ früh an diesem Abend durchgeschwitzt. Die drei Herren können aus einer enorm breiten Palette ihrer Diskographie schöpfen und sie springen bei ihrer Setlist munter durch die Dekaden. Mit den Songs aus ihrem aktuellen Album sprechen sie vermehrt die jugendlichen Besucher an. Das Kuriose bei Fettes Brot ist aber, dass sie den Spagat zwischen Klamauk und Kritik schaffen. Man lacht mit ihnen, aber man hört ihnen auch zu, wenn sie ernste Themen ansprechen. Es ist mein erstes Konzert nach den Anschlägen in Paris und ich bin erleichtert, als ich feststelle, dass die Stimmung heute Abend doch so ausgelassen ist. Trotzdem bekommt ein Song wie ‘An Tagen Wie Diesen’ natürlich eine noch höhere Strahlkraft.

Gegen Ende des Konzerts sammeln sich noch einmal so einige Höhepunkte. Herzlich lachen muss ich bei der Selfiestick-Aktion, wo sich die Brote einerseits rechtfertigen, dass sie diesen Trend mitmachen und ihn andererseits als das lustige Spiel des Abends ankündigen. Als sie dann beim Fotografieren noch das urkomische ‘Selfiestick’-Lied im Polkastil vortragen, habe ich bald Bauchschmerzen vor lachen.
Die Zugabenblöcke sind hervorragend. Im ersten Teil wird das Publikum visuell vor einen Plattenschrank gestellt, in dem man viele alte Platten der Protgonisten erkennen kann. DJ Pauly baut sich vor seinem Arbeitsplatz auf und dann folgt ein sehr gelungenes Medley aus alten und ganz alten Perlen. A propos alte Perle, zum Abschluss gebe ich nochmal Gas, den ‘Schwule Mädchen’ wird einfach immer großartig sein. Diese Kraft, dieser Sound. Ich verneige mich in großer Dankbarkeit. Es war FETT.

Setlist:

Teenager Vom Mars
Können Diese Augen Lügen
Du Bist The Shit
Erdbeben
Wackelige Angelegenheit
Nordish By Nature
Jein
Meine Stimme
Für Immer Immer
Ganz Schön Low
Emanuela
Amsterdam
Von Der Liebe
Echo
An Tagen Wie Diesen
Mein Haus
Dynamit & Farben
Selfiestick
Das Letzte Liede Auf Der Party
Turntable Medley
Lauterbach
Bettina
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Schwule Mädchen