Deichbrand 2015

Was für eine schöne Tradition. Zum mittlerweile vierten Mal fahre ich an diesem sonnigen Freitagnachmittag an den zahlreichen Weiden vorbei, begrüße Kühe auf meinem anschließenden Marsch zum Festivalgelände und schalte automatisch in den Entspannungsmodus. Bei anderen Freiluftveranstaltungen werde ich leicht hektisch und versteife beim Anblick der vielen (zum Teil torkelnden) Menschen; doch die Landluft und die spürbare Gelassenheit der anderen Festivalbesucher, lässt auch mich runterfahren. Es ist zwar nicht so brütend heiß, wie im letzten Jahr, doch als ich die Firestage (wie passend) erreiche, sehne ich mich schon nach einer kalten Dusche. Und der Wunsch wird in der darauffolgenden Stunde immer größer, denn wie zu erwarten war, heizen die Subways ordentlich ein. Sie spielen die Miniversion von dem, was wir in Bremen bereits Anfang des Jahres gesehen haben (siehe unter Konzertberichten), aber so unter freiem Himmel, war es doch wieder anders und natürlich wieder schön.

Anstatt zu duschen, erfrische ich mich an einem eiskalten Wasser (inkl. Eiswürfeln) und lausche den Donots. Mit einer übertrieben teuren Schale Nudeln in der Hand feiere ich ‘Stop The Clocks’ und grinse mein Umfeld auf der Sitzinsel an, das ebenfalls einen Moment lang lieber singt, als kaut. Es ist gemütlich und so beobachte ich noch eine Weile das muntere Treiben: Wanhödener Anwohner, die sich auf das Gelände gewagt haben, um mal in eine ganz andere Welt einzutauchen; Teenager, die Seifenblasen in den blauen Himmel schicken und leider auch schon ein paar erste Sonnenbrand-Opfer. Der Wind dreht sich oder aber die Firestage hat den Lautstärkeregler hochgezogen, jedenfalls erkenne ich den Mittelteil von ‘Kopf oder Zahl’ von Jennifer Rostock. Oh, ist es schon so spät!? Dann mal schnell wieder ab ins Getümmel, schließlich will ich heute Abend eine gute Sicht auf die Beatsteaks haben. Glücklicherweise darf ich noch in den vordersten Zuschauergraben und treffe am Sperrgitter auf Thorsten – seines Zeichens Bassist der Beatsteaks. Unsere Blicke treffen sich kurz und da wird mir bewusst, wie bescheuert ich da stehe: Mitten im Gang, mit weit aufgerissenen Augen und beinahe mit herunter geklappter Kinnlade. Also weiter und als ich einen zentralen Platz mit super Sicht auserkoren habe, geht auf der Water-Stage das Licht aus und Clueso beginnt.

Ein weiterer Pluspunkt dieses Festivals, den ich gar nicht hoch genug loben kann: Die Bühnen spielen abwechselnd und nicht zeitgleich, weshalb man viel weniger verpasst – außer der Wind steht total ungünstig, dann wird es akustisch schwierig. Clueso hatte mich vor Jahren beim Hurricane mal überzeugt, bei seinem letzten Deichbrand-Besuch war ich dann enttäuscht, weil er seine Hits in neue Gewänder gepackt hatte und das gefiel mir gar nicht. Dieses Jahr war das teilweise immer noch so, aber ein paar Songs haben es doch in ihre Originalform geschafft und außerdem hörte ich „Cello“ zum ersten Mal live und das kam –bei dem mittlerweile lila gefärbten Himmel- sehr stimmungsvoll rüber. Und kurze Zeit später ging sie dann ab, die wilde Fahrt der Beatsteaks. Was für eine Setlist, was für zeitlos geile Songs, was für gute Musiker. Einfach immer wieder eine Pflicht, diese Herren live zu sehen. Punkt. Breit grinsend und total müde getanzt, schlurfe ich noch kurz bei Fritz Kalkbrenner vorbei, um mir einen Eindruck seiner Live-Darbietung einzuverleiben. Fritzchen, ick find disch besser, als deinen Bruder. Mach weiter so Junge.

Der Samstag ist wettertechnisch sogar noch ein bisschen besser, denn die Sonne wird von ein paar Wolken verdeckt und es grade warm genug, um im T-Shirt rumzulaufen, aber kalt genug, um auch ordentlich springen und tanzen zu können. Bilderbuch machen heute den Anfang – aha, so klingen sie also, wenn sie nicht vollends übersteuert werden (siehe Beatsteaks-Konzertbericht). Die Musik hat Wiedererkennungswert und der Frontmann ist auch sehr freundlich, aber so ganz warm werde ich mir den jungen Österreichern irgendwie nicht. Ganz anders verhält sich da beim nächsten Künstler, an den ich ganz wunderbare Erinnerungen habe: Bosse. Von der ersten Minute an versprüht dieser Mann seinen Charme, ist ehrlich, authentisch und so voller Energie und Frohsinn, dass er die Zuschauer mitreißt und selbst so anstachelt, dass (wie auch schon beim letzten Deichbrand-Besuch) sie seinen Hit „Schönste Zeit“ ab der 2. Strophe allein singen lässt. Totale Euphorie und Gänsehautsituation. Das Festival sollte sich ernsthaft überlegen, Bosse als festen Bestandteil zu engagieren – es ist immer wieder so schön.

Ebenfalls „alte“ Hasen in Sachen Festival-Konzerte sind die Kooks und ihre Setlist weiß zu gefallen: Ein gesunder Mix aus alten und neuen Songs sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Allerdings fehlt mir im direkten Vergleich zu Bosse immer so ein bisschen der Draht zum Publikum. Sei’s drum: „Seaside“ und eigentlich alles vom Debut „Inside In Inside Out“ ist zeitlos schön und wärmt mir nach all den Jahren noch immer das Herz. Nach einer kleinen Stärkung, entbrennt der innere Konflikt, welche Band der kommenden Stunden ich wohl von weiter vorn sehen will. Es treten an Kraftklub versus Deichkind. Allein der Umstand, dass ich die Karl-Marx-Städter in diesem Jahr bereits gesehen habe, gibt den Vorteil für Deichkind und so erlebe ich die fulminante Feuershow von Kraftklub aus der Ferne, während mich Menschen in Müllsäcken und Pyramidenhüten gekleidet, gegen die Absperrung des ersten Wellenbrechers drücken. Es blutet mir das Herz bei dem Anblick – was für unglaublich viel Pyrotechnik da verballert wird, zeitweise sah es so aus, als stünde die Feuerbühne tatsächlich in Flammen. Als Kraftklub dann mit einer kleinen Extra-Bühne durch die Zuschauermenge fährt, denke ich zwangsläufig an das Highlight in Magdeburg (siehe Konzertbericht) und freue mich für alle Menschen, die nun spontan in der ersten Reihe stehen.

Bei mir wird derweil die Luft immer dünner und als die Deichkind-Show beginnt, wird es beinah unerträglich – und ich bin eigentlich leid geprüft (bedenkt man, dass ich vor Jahren bei System Of A Down unter die wilde Meute geriet und quasi dem Tod ins Auge sah). Und das Traurigste ist, dass ich diesen Auftritt nun gefühlt das fünfte Mal in dieser Form gesehen habe. Sicherlich ist dieser Irrsinn, der sich da vor mir abspielt amüsant und niemand hat irrsinniges Abspacken so perfektioniert wie Deichkind, aber ich hatte mir im Zuge des neuen Albums doch auch eine neue Live-Show erhofft. Ab der zweiten Hälfte kommt die Meute hinter mir langsam zur Ruhe und Deichkind zurück zu den Hip-Hop-Wurzeln – da werde ich dann nochmal richtig munter und merke, wie sehr mir diese Seite eigentlich fehlt. Sie können es doch noch und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass der Rap irgendwann wieder mehr in den Fokus rücken wird. Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt und man wieder frei atmen kann – das wird mir klar, als ich zurück Richtung Ausgang gehe und meine Arme dehne. Der letzte Halt in dieser milden Nacht heißt: Red Bull Tourbus, dort legen nämlich Thorsten und Arnim von den Beatsteaks auf – allerdings jetzt unter dem Namen Fra Diavolo. Top Songauswahl, lustige Leute vor dem Bus. Obwohl meine Füße und mein Rücken schon heiser sind vom „Pause, Pause!!“-rufen, schwing ich das Tanzbein und entdecke sogar noch einmal den Felix von Kraftklub, der ebenfalls bei Frau Diavolo vorbei geschaut hat.

Der Sonntag beginnt mit einem Déjà-vu: Den Ferris hab ich doch gestern erst bei Deichkind gesehen. Ja, und heute Nachmittag schlendert er sichtlich durchzecht solo auf die Bühne. Die Zuschauer sind übersichtlich und es regnet, doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Heute kommen die guten alten Gummistiefel endlich mal wieder zum Einsatz und so richtig Sommer war eh erst, wenn man einmal ordentlich im Matsch getanzt hat. Danke dafür, Ferris. Und danke auch für die Zeitreise in deine guten alten Anfänge; irre, wie die Zeit vergeht. Bei der anderen Bühne ist es dann beachtlich voll; die Wombats ziehen die letzten müden Camper aus den Zelten. Obwohl ich vorn im ersten Zuschauergraben stehe, empfinde ich die Stimmung als eher schnarchig. Entweder, die Luft ist am dritten Tag raus oder die Leute sind auch nicht so überzeugt von den neuen Songs der drei Liverpooler. Ich jedenfalls fühle mich in meinem Eindruck bestätigt: Die alten Nummern reißen es raus und sind – nach meinem Empfinden – viel eingängiger, mitreißender und unbefangener. Mit dem letzten Ton verabschieden sich nicht nur die Wombats von der Bühne, sondern gefühlt das ganze Festival, denn nur eine Viertelstunde später stehe ich mit gerade einmal 20 Leuten vor der Feuerbühne.

Ein Blick rüber zu den Blood Red Shoes verrät mir, dass es dort zwar voller ist, aber auch nicht überragend. Das einzige Lied, was ich aus der Ferne dann erkenne, ist ‘I Wish I Was Someone Better’; ansonsten spielen die Blood Red Shoes viel neue Musik, die mich leider nicht überzeugt und auch irgendwann gleich klingt. Schade. Ich bin nun –trotz Regenjacke- nass, bewege mich aber nicht vom Fleck, da ich schon ganz gespannt bin, wie sich Mando Diao nach dem Ausstieg von Gustaf wohl präsentieren werden. Mando Diao – ich möchte sagen, wir haben eine Auf-und-Ab-Beziehung hinter uns. Die ersten beiden Alben (‘Bring ‚em in’ und ‘Hurricane Bar’) habe ich rauf und runter gehört. Dann kam 2005 das erste Konzert und ich war fassungslos, weil ich katastrophal schlecht fand. Ab dem Tag habe ich die Schweden als reine Studioband abgestempelt, gab ihnen aber bei diversen Festivals immer wieder die Chance, mich von sich zu überzeugen. Ohne Erfolg und mir wollte nie in den Sinn, warum so offenbar geniale Songwriter ihr Material nicht live rüber bringen können. Ab dem Album ‘Give Me Fire’ war es dann aber in meinen Augen auch mit der Schreib-Genialität vorbei und letzte Auftritte, die ich bei Youtube sah, fand ich dann nur noch gruselig und deshalb interessiert es mich heute umso mehr, was das Verlassen eines Frontmanns wohl für musikalische Folgen haben wird – und erlebe das positiv überraschenste Konzert dieses Wochenendes: Mando Diao sind live plötzlich richtig gut. Nicht genial oder perfekt, aber dafür echt und gut abgemischt und hey, sie lächeln sogar richtig. Es werden so viele alte Lieder gespielt, dass ich in einer Tour freudig aufquietsche. Ganz ganz ganz ganz toll und auch wenn ich es zehn Jahre nach meinem ersten Mando Diao Konzert nicht mehr für möglich gehalten hätte: Stand jetzt könnte ich mir durchaus vorstellen, mal wieder einen Gig Rund um (den einzigen) Band-Kopf Björn Dixgård vorstellen.

Danach schwebe ich förmlich zur Sitzinsel, ziehe meine nasse Jacke aus und lausche aus der Ferne dem wunderbaren Thees Uhlmann. Ich genieße diese angenehme Müdigkeit, die so typisch für den dritten Festivaltag ist und auch die Stimmung ist dann immer ganz besonders, weil es schon viel leerer ist, weil man vollgepackt mit Eindrücken ist. Es wäre grad richtig nett, wenn ich in meinem ebenfalls nassen Pullover nicht so frieren würde. Und der Regen will nicht aufhören. Im Gegenteil: Als ich mich ein letztes Mal zur Feuerbühne schleppe, beginnt das große Finale, inklusive Blitzen am Himmel. Fettes Brot beginnt zu spielen und der Wind weht die dicken Tropfen direkt auf die Bühne. Dr. Renz fragt seine Kollegen: „Ey Jungs, hatten wir nicht vertraglich vereinbart, dass wir nicht mehr auf Bühnen spielen, bei denen es rein regnen kann!?“ Doch das war natürlich ein Spaß; dem Regen wird frech ‘Nordish By Nature’ entgegen gerufen – wenn jemand mit so einem Wetter umgehen kann, dann ja wohl die Cuxhavener. Als dann aber eine Unwetterwarnung auf den Bildschirmen aufflackert, reicht es mir dann doch und ich wate durch den tiefen Schlamm zurück zum Auto. Dort eingestiegen, leuchten mir noch immer die Lichter vom Riesenrad entgegen; ein Anblick, der mich wehmütig Abschied nehmen lässt. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt und dann geht die Party hoffentlich genauso sympathisch entspannt weiter.